726 Die Märzkatastrophe in Ostreich.
wenn nicht die Sorge für die unmittelbare und nächste Gefahr die revolutionaireEnergie für mehr als 12 Stunden zurückgedrängt hätte. DaS Volk hatte gegen dieRegierung Revolution gemacht, nicht gegen die Dynastie, und darum nur hatte mandie Bürgschaft für einen vollständigen Wechsel des bisherigen Systems und für dasAufhören der militairischen Schreckensmaßregeln verlangt. DaS war nun erreicht!Durch den Rücktritt Metternich's und die Bewilligung von Waffen hatte die Dy-nastie ihren Entschluß erklärt, daß sie die Volkswünsche berücksichtigen wolle; selbstdas Bleiben Erzherzog Ludwig's änderte daran nichts. Der Prinz blieb, wie mandie Verhältnisse einmal kannte, als Stellvertreter des kranken Kaisers, nicht als Hauptder Metternich'schen Genossenschaft. An der Regierung war es nun, das sagte denGebildeten der Verstand, den Massen der Jnstinct, die ihr bekanntgewordenen Fe-derungen der Zeit durch entsprechende Einrichtungen rasch zu erfüllen. Darum be-gnügte man sich so dankbar mit dem einstweilen Erreichten, und eilte mit den kaumgewonnenen Waffen in die Vorstädte, auf die ersten Berichte von den dort vorge-fallenen Unordnungen. Diese Berichte lauteten allerdings bedrohlich genug. Die Ver-wüstungen des Pöbels, jenes in Revolutionen ebenso unabweisbaren als gefährlichenGehülfen, hatten weit umsichgegriffen, und begannen, wie gewöhnlich, immer mehraus dem Kampf gegen öffentliche Einrichtungen in einen Kampf gegen Privatgüterund Personen umzuschlagen. In der Vorstadt Mariahilf wurden die Linien- (Mauth-und Accise-)geba'ude gestürmt und in Brand gesteckt, die Beamten vertrieben, und einMauthwächter, der auf einen Bauer geschossen haben sollte, lebendig ins Feuer ge-worfen: ein fürchterlicher Protest gegen die vorzüglich die niedern Classen drückendeVerzehrungssteuer und ihre schonunglosen Organe! Von da ging es gegen Bäcker,Fleischer, Krämer. In manchen Läden wurde Alles zertrümmert, an einigen Ortenauch geplündert. Brotlose Arbeiter scharten sich in den der Linie zunächstliegendensabrikreichen Ortschaften Fünfhaus, Sechshaus, Weidling zusammen, und begannenihre Angriffe gegen die Fabriken, zunächst um die Maschinen zu zertrümmern. Ihnengesellte sich leider noch zahlreicheres Gesindel zu, das auf Raub und Diebstahl aus-ging. Vergebens suchten hier und da die Eigenthümer durch Geldanbieten die einmalentfesselten, grimmigen Leidenschaften zu besänftigen. Man zerstörte selbst Das, wasman nicht brauchen konnte. Im Polizeicommissariate von Sechshaus wurden erstdie Sträflinge befreit, und dann ward doch Alles demolirt. In Braunhirschen wur-den alle Verwaltungs- und Amtsacten vernichtet; selbst dem sonst beliebten Amtmannwurde die Wohnung zerstört. Hier war es nun, wo die kaum der Regierung entrunge-nen schlechten, fast unbrauchbaren Waffen oder vielmehr ihre Träger Wunder wirk-ten, denen im Verein mit den Bürgergarden die Herstellung und Aufrechterhaltungder Ordnung fast ausschließlich anheimfiel, da man das Militair überall mit offen-barer Absicht zusammenhielt. Diese bürgerlichen Waffenträger vollführten die wahr-lich nicht gefahrlose Aufgabe in einer Weise, welche selbst dem Thersites der „Ge-nesis" widerwillige Bewunderung abzwingt. Die an den einzelnen Orten erschei-nenden Abtheilungen waren an Zahl gering; an den Gewehren der Studenten fandsich häufig daS Bayonnet allein brauchbar. Dennoch brachen sie, wo sie erschienen,bald durch Gewalt, bald durch freundliches Zureden den Widerstand der wüthenden,oft betrunkenen Rotten. An einigen Orten mußte scharf eingeschritten, sogar dasStandrecht verkündet werden; meist aber folgten die eben erst Blindwüthenden st'gleich dem Zauber von Liebe und Verehrung, durch den die Söhne der Aula fortan,leider zu ihrem Unglück, das Proletariat fesselten. Man gehorchte ihnen, man hr"'bigte ihnen in roher Weise, indem man sie um Stückchen ihrer weißen Bänder bat,und sich im Fall einer Gefahr für sie zu opfern versprach. Die Bessern undsonnenern unter der Menge boten sich freiwillig zu Schutzwachen für die erstbedrohtt"Orte an. An einzelnen Orten vermochten die Studenten so viel, daß die schon entwertdeten Stücke zurückgebracht wurden. Das war der Fall selbst in der Villa M^ter'nich, wo sie mitten in der ärgsten Verwüstung ankamen: es wurde hier Alle