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Die Märzkatastrophe in Ostreich.
wieder zurückgestellt!*) Die Stadt selbst war ruhig; die allgemeine Beleuchtungdauerte fort. Ein sanfter Lichtschein, wie der Wiederglanz eines innern Glücks, lagüber ihr. Zahlreiche Bürger- und Studentenpatrouillen durchkreuzten sich, und be-grüßten sich, wo sie sich begegneten, mit jubelndem Zurus, in den die verspätetenGruppen Umherwandelnder und die ans Fenster eilenden Bewohner einstimmten. Soeigenthümlich isolirend wirkte die (von uns früher geschilderte) Abgrenzung der ver-schiedenen Stadttheile, daß man in manchen Vorstädten die ganze Nacht über in Un-gewißheit über die jener Beleuchtung zugrundeliegenden Vorfälle verblieb.
Der 14. März.
So kam der Morgen heran. Der aus seinem Hause tretende Wiener konntenun auf einem Gange durch die innere Stadt Musterung über die Veränderungenhalten, die der neue Tag ihm zeigte. Aus den Glacis rings um die Stadt bivoua-kirte das Militair, Reiterei und Fußvolk, das am vorigen Abend aus der Stadt ge-zogen worden. Ihr Ansehen war friedlich. Die Thore zwischen den noch immerKanonen zeigenden Basteien waren zwar stark, vorn Militair besetzt; doch boten sieder durchströmenden Menge kein Hinderniß. Überall war an den Ecken der Mauer-anschlag zu lesen, der die am vorigen Abend gewonnenen kaiserlichen Concessionenveröffentlichte: die Bewaffnung der Studenten und Verstärkung der Bürgergardedurch Einreihung der übrigen Bürger; sodann die Niedersetzung eines (freilich niebekanntgewordenen) Comite, dem nicht allein ständische, sondern auch andere Mit-glieder aus dem Bürgerstande beigegeben worden. Als kurze aber vollwichtige Er-gänzung dazu enthielt die „Wiener Zeitung" die Anzeige, daß Metternich seine Stelleniedergelegt. In der Stadt waren bereits die meisten Posten des Militairs einge-zogen und durch Bürgergarden oder Studenten ersetzt; nur noch an der Burg, derBank und den Hauptwachen waren Wachen aufgestellt. Vor dem Landhause standunaufhörlich eine sich drängende Menge, um die Blutspuren der Gefallenen und dieKreideinschrist darüber: „Das verdanken wir Metternich!" zu sehen. Das Univer-sitätsgebäude war in dieser kurzen Zeit ein förmliches Hauptquartier geworden. AlleSäle und Gänge waren von fröhlichen, kriegerisch blickenden Gestalten erfüllt. DieThore waren von Studenten bewacht, und durch sie gingen oder kamen fast unauf-hörlich größere oder kleinere Züge von Ablösungen, Patrouillen und neuen Mitkäm-pfern. Dazwischen schritten Professoren, Docenten und Doctoren, vor allem End-licher und Hye, dann die populairen Führer, wie Köck, Schilling, Engel, regelnd,musternd, zu freiwilligen Zügen auffodernd. Noch immer kamen nämlich Meldungenvon begonnenen oder drohenden Zerstörungen, sodaß sich noch am Vormittag neueZüge nach den entfernten Vorstadtgründen begaben oder theilweise sogar Stundenweit außerhalb der Stadt.
Nicht minder lebhaft ging es in dem Locale des Lesevereins zu. Dieser Vereinhatte in Folge des hervorragenden Einflusses, den er in der letzten Zeit ausgeübt,und der Thätigkeit, die einige seiner Mitglieder noch am Abend vorher gezeigt, un-ermeßliche Popularität gewonnen, und war gleichsam das geistige Hauptquartier derBürgergarde und des in ihr vertretenen wohlhabenden Bürgerstandes geworden. EinOffizier der Bürgergarde nahm dort förmlich seinen Standposten, und die zeitweiliganwesenden Mitglieder wurden fortwährend abgerufen, um Meldungen, Wünsche,Anfragen der verschiedensten Art entgegenzunehmen. Ein Theil derselben hatte be-reits mit frühem Morgen im Zeughause Waffen geholt und sich am Bürgerwehrdienstbetheiligt. Die Gesammtheit selbst hatte die Verabredung getroffen, sich Mittags
*) Ähnliche Scenen zogen sich m immer weiterm Kreise von Zerstörungen noch die nächsten5wei Lage bis ziemlich weit ins Land hinaus, und zwar mit dem (um ein Modeschibboleth zubrauchen) vorwaltend socialistischen Charakter von Fabrik- und Maschinenzerstörung. Wir«Uhren die Vorgänge aber nicht weiter an, da sie theils mit der zu Wien hergestellten Ord^uung in gleichem Schritte ihr Aufhören nahmen, theils durch direktes Einschreiten der wienerStudenten beendigt wurden.