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Die Märzkatastrophe in Ostreich.
unter Vorttagung einer Fahne, mit der Devise Preßfrciheit, nach dem Zeughause zubegeben, um sich als eigenes Corps zu constituiren. In dem bürgerlichen Zeughausedauerte die nur in den letzten Stunden der Nacht eingestellte Waffenvertheilung fort.Man hatte anfangs die Einrichtung getroffen, daß jeder sich Meldende sich erst amRathhause oder beim Gemeindevorstande sollte einschreiben lassen. Doch der wach-sende Andrang machte jede Unterscheidung unmöglich, und so erhielten bald auch Tag-löhner, Handwerksburschen, ja Lehrjungen Gewehre. Im komischen Gegensatze dazusah man andererseits jene Classen mit einer Art Ostentation sich unter das Aufge-bot für „Ordnung und Freiheit" reihen, die, wie Banquiers und Hofra'the, noch amTage vorher für etwas mehr Ordnung alle Freiheit hingegeben hatten. Wenn schondie unter den Studenten, welche den Abend vorher mitgehandelt, sagen konnten:Wir sind 900 zum Zeughaus gegangen und unser drei mal so viele zurückgekehrt, ^
so galt dieses Wort umsomchr von den höhern Classen der Gesellschaft. Wer sichsonst immer eigene Waffen zu verschaffen gewußt, rüstete sich mit diesen, und die sonach Landsmannschaften oder in anderer Weise Zusammengetretenen bildeten ganzeCompagnien trefflich ausgestatteter Büchsenschützen. Natürlich, daß sich unter diesendie der Italiener, Polen, Ungarn durch freudigen Antheil und begeistert entschlosseneHaltung auszeichneten. Dieses rege und wechselnde Treiben vervielfältigte und ver-lebendigte sich noch im Laufe des Vormittags. Aus dem Thore des Zeughausesergossen sich immer neue Trupps, die mit improvisirten Fahnen mit den mannich-faltigsten Devisen, als: Völkerverbrüderung! Ordnung und Freiheit! Preßfreiheit!Konstitution! und wo möglich mit Trommelschlag, alle Gegensatze des Standes undder Bildung vereinigend, durch die Straßen zogen. Man zahlte allma'lig nur in der .innern Stadt 80—100 solcher Trupps von allen Größen, deren gesammte Streiter-zahl bis auf 30000 angeschlagen wurde. Aus den Vorstädten, wo Excesse stattge-funden, wurden ganze Abtheilungen von Gefangenen hereinescortirt. Niesenpatrouillen^wie z. B. die des Gewerbvereins, zogen hinaus, wenn in keiner andern Absicht, doch !um die allgemeine Einigkeit und Zuversicht zur Schau zu tragen. Frauen theiltenBlumen, Schärpen, Cocarden aus, besonders an die bevorzugten Akademiker, unddie Straßen waren voll wie an einem Festtage.
In der That, faßt man blos den augenblicklichen Anschein der Dinge zusam-men, so kann man, den Ausspruch eines andern Darstellers ergänzend, sagen: „Wien !genoß — und patrouilliere." Dennoch konnte dem Beobachter der unter der heitern ^Oberfläche liegende innere Widerspruch, und somit die Wahrscheinlichkeit eines gewalt-samen Umschlags nicht entgehen. Das Volk wartete, aber nur, weil es zuversicht-lich die volle Initiative rücksichtlich der allgemeinen Wünsche von der Regierung er-wartete. Die Regierung aber, d. h. die Personen, von deren Einvcrständniß zuletztdie kaiserliche Unterschrift abhing, zögerten mit jeder, auch der engbegrenztesten Con-cession, aus Furcht vor der in ihr liegenden Berechtigung zu weiterer Foderung.Mit der Entfernung Metternich's hatte sich die Stellung der oppositionellen Hof-partei zum Volke von selbst geändert. Sie war die herrschende geworden ; und wennsie den Minister verdrängte, weil er die ihr nöthig scheinenden Reformen gehindert,so hegte sie jetzt doch aus immer gleichen dynastischen und Autoritäts-Rücksichten dielebhafteste Besorgniß, sie könnte über den Kreis hinaus zu weitem Reformen ge-drängt werden. Damit kam sie von selbst in ein Bündniß mit der militairischenund bureaukratischen Reactionspartei, aus der wir ihre dynastischen Mittelpunktenur in einzelnen entscheidenden Augenblicken durch stärkere persönliche Motive heraus- ^treten fallen. Von der andern Seite aber gab es sowol unter den Universitätsange-hörigen wie unter den bewaffneten Bürgern eine große Anzahl von Männern, die,des zu erreichenden Ziels sich vollkommen bewußt, fest entschlossen waren, dasselbe znerreichen, und diesen Vorsatz unverhohlen aussprachen. Starke Abtheilungen hattensich bereits am Morgen am Hofe und in der Nähe der Burg in ruhiger, aber ern-ster Haltung aufgestellt, die bei jedem Anschein einer bedenklichen Wendung dem Mi*litair gegenüber in drohende Kampfbereitschaft überging. In der Menge selbst trat