Band 
Fünfter Band.
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Die Märzkatastrophe in Ostreich.

kaiserlicher Herold vor die an der Burg harrende Menge, um ihr feierlich das Pa-tent zu verlesen. Es enthielt in einer wol absichtlich etwas geschraubten Stilisi-rung: „die Anerkennung der Preßfreiheit, die der bereits ersprießliche Dienste lei-stenden Nationalgarde auf den Grundlagen des Besitzes und der Intelligenz, diewiederholte Einberufung von Abgeordneten der durch Bürger verstärkten Provinzial-stände zum Behufe der vorn Kaiser beschlossenen Constituirung des Vaterlands."

Der dritte der angeführten Punkte zeigte wie ein frisch überwachsenes Schlachtfelddie verschiedenen Positionen, die die kämpfenden Parteien in der Aufeinanderfolgedes Kampfes eingenommen. Die staatsrä'thliche Partei wollte anfangs, obwol unterAnerkennung des konstitutionellen Princips, das leidige Wort selbst vermieden wissen,angeblich um der bedenklichen Verwechselung der allgemeinen repräsentativen Staats- «form mit der durch die historischen Verhältnisse des Kaiserstaats gegebenen provin-ziellen vorzubeugen. Dem gegenüber machten die ständischen Sprecher geltend, daßdie öffentliche Meinung eben dieses Schlagwort gebieterisch verlange. Nun schlugenJene das Wort „konstitutionelle Einrichtung" vor. Auch aus dieser Stellung ge-worfen, ergaben sie sich endlich in den mittlern Ausdruck: „Konstitution deS Vater-landes." So ««herkömmlich diese Redewendung (die Constitution als der durch eineVerfassungsurkunde zu setzende gesetzliche Bestand, statt als diese Urkunde selbst) er-Aeinen mochte: sie blieb aus Scheu vor längerer Diskussion; und dem großenÖstreich wurde seine Freiheit durch einen sprachlichen Solocismus verkündigt.

Es war ein großer Moment! Während die Menge nahe und fern die Stimmedes Herolds mit wachsendem Beifallsdonner bedeckte, schwangen sich Stände, Stu-denten, Bürgeroffiziere aufs Pferd, um das beglückende Patent nach allen Richtun-gen von Gasse zu Gasse zu tragen. Überall, wo sie es lasen, sprang hinter ihnengleicher betäubender Jubel auf. Trupps von Bürgern und Studenten stürzten wieberauscht unter Trommelschlag und Trompetengeschmetter bis in die entferntestenVorstädte, um das Blatt immer wieder zu verlesen. Man schrie, man weinte, mansprang, man umarmte und küßte sich überall. Die allgemeine Menschenverbrüderungschien in diesem Augenblicke ein lebendiger Traum zu sein. Bald daraus tönte demVon der Burg nach allen Seiten sich ausbreitenden Freudenlärm ein anderer vonentgegengesetzter Richtung entgegen. Es war bekannt geworden, daß die ungarischeDeputation angekommen, und große Colonnen von Nationalgarde und Volk warenihr bis an den Prater entgegengezogen. Die Boten mit dem Constitutionspatentwaren ebenfalls dahin zeitig genug gelangt, daß man die Deputirten mit derfreudigen Nachricht empfangen konnte, und sie zogen nun, nach mehrfacher Begrü-ßung durch Redner verschiedener Nationen, mit Eljenruf und Säbelschwingen denbrausenden Gruß der Bevölkerung erwidernd, in die Stadt. Das Constitutionspa-teru wurde ihnen, mit Blumen bekränzt, feierlich auf einem Bayonnet vorgetragen.Kossuth und Batthyany waren unter ihnen; man drängte sich ehrfurchtvoll, den gro-ßen Redner zu sehen, der, ein zweiter Moses, aus dem Felsen des Absolutismus dieQuelle der Freiheit geschlagen. Der Weg ging erst zur Universität, der Wiege undbern Bollwerk der neuen Ordnung, dann zu dem Absteigequartier der Gäste. Anbeiden Orten sprach Kossuth über das weltbewegende Ereigniß des Tags, obwol inUngewohnter deutscher Zunge, mit jener Beredsamkeit, die man mit Recht einenharmonischen Katarakt genannt hat. Unterdessen war es dunkel geworden. In deruberhell erleuchteten Stadt vereinigten sich nun alle größer« und kleinern Abtheilun-gen der bewaffneten Bevölkerung zu einem unermeßlichen Zuge auf dem Josephsplatz,

Urn dem dort auf einen Balcon der Kaiserburg getretenen Kaiser ihre brausendeHuldigung darzubringen. Von dem inzwischen constituirten Bürgerausschuß über-reichte ihm gleichzeitig eine Deputation eine Huldigungsadresse, von deren byzantinisch^rschnörkelter Fassung wir hier schweigen. Auch der Kaiser wollte durch ein Lebe-hoch auf sein Volk erwidern; doch seine Stimme verklang in Rührung und in demaus einer Riesenbrust ertönenden unaufhörlichen Gegenruf der vorbeiziehendenScharen. Die Freude war unermeßlich! Man begnügte sich auch nicht mit dieser