Die Märzkatastrophe in Ostreich. 737
Wien für diesen Tag beabsichtigten Demonstration verbreitet. Ein zu Wien studi-render Gra'tzer sollte seine ehemaligen Kommilitonen von der Studentenadresse benach-richtigt, und sie zu einem gleichen Schritt aufgefodert haben. Auf die ersten Nach-richten von den blutigen Ereignissen in Wien vereinigten sich am 14. März die Stu-denten, die Bürgerschaft, endlich der städtische Gemeindevorstand in abgesondertenVersammlungen zur Berathung von Petitionen. In der Versammlung der Studentenversuchte der von den rathlosen Professoren heimlich herbeigerufene Gouverneur, derjesuitisch-feine Graf Wickenburg, vergeblich seine liberal gefirnißte Redekunst, umihnen die Legalität und Paßlichkeit ihres Vorhabens auszureden. Mit Acclamationwurden die Petitionspunkte: Preßfreiheit, Nationalbewaffnung und Volksvertretungam Deutschen Bunde, angenommen. Dem Gouverneur, wollte er bedenklichernAufregungen vorbeugen, blieb nichts übrig als die Petition anzunehmen und dasVersprechen möglichst wirksamer Einbegleitung beim Kaiser zu geben. Die sehrzahlreich besuchte Bürgerversammlung nahm einen von dem unglücklichen Emperger(spater zu 10 Jahren Kerker in Kufstein verurtheilt) verfaßten Petitionsentwurfan, in dessen höchst energischen 25 Punkten, neben vielen rein städtischen Anliegen,auch allgemeine, insbesondere Vertretung am Deutschen Bunde, gänzliche Abwendungvon Rußland, ewige Entfernung der Jesuiten, hervorgehoben waren. Milder, dochnoch immer deutlich genug sprach sich die von dem städtischen Gemeindevorstand be-schlossene Adresse aus. Bedenkt man, daß in dem Bürgerausschusse, welcher diesesDocument unterschrieb, die Viertelmeister, die Repräsentanten der bewaffneten Bür-gercorps, also die Reichsten und Angesehensten einer privilegirten, unter bureaukrati-scher Bevormundung ergrauten Körperschaft sich für Nepräsentativverfassung, Ge-nreindefreiheit, Öffentlichkeit des Staatshaushalts aussprachen, so muß man demRufe beistimmen, der Grä'tz für die am tiefsten von der Tradition altdeutscher Bür-gerfreiheit durchdrungene Stadt Östreichs erklärt. Der Gouverneur handelte offen-bar nur klug, daß er sich und die Militairgewalt auf die passivste Rolle beschränkte,denn die Aufregung war tief und allgemein, und es bedurfte, um sie in ihrer bis-herigen Mäßigung zu erhalten, keines geringern Ereignisses als der Ankunft des im-mer klug berechnenden Erzherzogs Johann. Dieser kannte seine Steirer und warnoch am Abend von Wien hergeeilt, um, wie er sagte, selbst ihnen die Nachrichtvon dem Sturze Metternich's zu bringen. Am Morgen des folgenden Tags tratenzugleich die Stände des Landes im Landhause zur Sitzung zusammen. Auch dersteierische Landesausschuß hatte, wie der östreichische, in Folge der ersten Märztageihre Zusammenberufung beschleunigt und die Eröffnung des außerordentlichen Land-tags vom April aus dem 15. März verlegt. Der Ausschuß legte nun den Ständenden Entwurf eines Majestä'tsgesuchs vor, in welchem um Veröffentlichung desStaatshaushalts, zeitgemäße Reform der ständischen Verfassung, und Anschluß anDeutschland gebeten wurde. Bald nach begonnener Sitzung erschienen Deputationender Bürgerversammlung und des Gemeindevorstandes, um die am Tage vorher an-genommene Petition feierlich zu überreichen. Sie wurden vom Landeshauptmannaufs freundlichste begrüßt und eingeladen, der Berathung selbst als Gäste beizuwoh-nen, und ihre Petition, ebenso wie die Majestä'tsvorstellung, ward nach kurzer De-batte zu abgesonderter, warmer Empfehlung an den Kaiser angenommen. Inzwischenhatte sich schon am frühesten Morgen vor dem Landhause eine große Volksmassegesammelt, die sich in lebhaften Gruppen um einzelne Redner drängte. Man theilteder wartenden Menge die Aufnahme der Deputationen und die Beschlüsse der Ständetuit. Alles ward mit lebhafter Befriedigung ausgenommen. Dies hinderte jedocheinen Theil derselben nicht, einen der lebhaftesten Wünsche unmittelbar zu realisi-*en, indem man vor das Jesuitenkloster zog und dasselbe mit stürmender HandAbgriff. Einige populaire Männer hinderten noch zu rechter Zeit die begonneneZerstörung, und so kamen die erschrockenen Dunkelmänner einstweilen mit demschrecken davon. Die Gesammtheit der Studirenden und eine große Anzahl derDie Gegenwart. V. 47