738 Die Märzkatastrophe in Ostreich.
Bürger begaben sich vom Landhause vor die Wohnung des Erzherzogs, der nichtverfehlte, mit der ihm gewohnten biedern Weise der Menge die nach dem RücktritteMetternich's zu ge.värtigenden Concessionen als einen Besitz darzustellen, an dessenSicherheit nur hypochondrischer Klemmuth noch zweifeln könne.
Auch der Gouverneur wendete alle gouvernementalen Opiate an. Er eröff-nete den mit Abschriften ihrer Petitionen zu ihm gekommenen städtischen Deputirten,daß eine soeben angekommene Depesche die Bewilligung von Nationalgarde und Preß-frelheit gebracht, und erklärte, die in diesen Petitionen gewünschten Garantien der per-sönlichen Freiheit schon jetzt provisorisch in Kraft setzen zu wollen. Ebenso verfügteer die unverzügliche Bewaffnung der Studenten. Dieselbe wurde unter dem schwär-merischen Antheil ebenderselben Professoren ins Werk gesetzt, die sich am Tage vor-her so starr den Studenten entgegengestellt hatten. Dem Grafen Nugent, einwahrhaft humaner und constitutionell gesinnter General (freilich von englisch-aristo-kratischer Färbung), gebührt der Ruhm, daß er als Commandirender des Landesnicht blos nicht hindernd, sondern selbst thätig entgegenkommend an der Studentenbe-waffnung sich betheiligte. Indessen, das seit Iahrzehnden zurückgepreßte Gefühlmenschlicher und bürgerlicher Erniedrigung ließ sich seinen Anspruch auf wenig-stens einmalige völlige Entladung nicht nehmen. So wenigstens glauben wir dieneue Bürgerversammlung im größten Saale von Grä'h erklären zu müssen, zu wel-cher unterdessen die Einladung ergangen war, und in welcher eine Petition vorgelegtwurde, die nur in ausführlichem oder schneidendem Worten die Gegenstände derfrühern Petitionen enthielt. Es galt wenigstens ebenso sehr der Motivirung als derSache selbst, indem man dem alten gestürzten System durch ein förmliches Todten-gericht noch eine schmachvolle Verurtheilung nachsandte, vr. Emperger trat mit derihm eigenthümlichen derben Beredsamkeit als Sprecher auf, und somit gleichsam imgeistigen Zweikampfe dem Gouverneur entgegen, der inzwischen von einigen furchtsa-men Seelen herbeigeholt worden. Von diesem Standpunkte und dieser Versammlunggegenüber war es allerdings gleichgültig, was der in allen Künsten der conservativ-liberalen Schmiegekunst geübte Gouverneur vorstellen mochte: daß ein Theil des Ge-federten bereits bewilligt und ein anderer Theil von Wien zu erwarten sei; daß An-deres blos den Gesammtständen vorbehalten bleiben müsse; daß er selbst manche derConcessionen provisorisch zu verfügen bereit sei. Man wollte ein ausführliches Sün-denregister der bisherigen Regierung und Verwaltung, den Gouverneur selbst miteingerechnet, aufstellen. Nachdem man sich Luft gemacht, war es mehr eine Form,daß man den übel mitgenommenen Landeschef anhalten wollte, die Übersendung derPetition nach Wien zuzusagen. Durch seinen Widerspruch erhitzt, bestand man umso hartnäckiger darauf, und er mußte endlich zur Vermeidung eines noch ärgernSturms die Zusage der Übersendung machen. Die bis zur höchsten Leidenschaftbewegte Versammlung trennte sich darauf, um wie Emperger in ihrem Namen ver-bürgte, für Ruhe zu sorgen. Erst im Theater, wo das Publicum sich selbst z"Ehren das Bauernfeld'sche „Großjährig" gefedert hatte, endeten diese Leiden desangegriffenen Provinzchef; er konnte nach dem ersten Acte mit schwacher, erschöpft^Stimme dem Publicum die eben angekommene Kunde mittheilen: daß die ConstitU'tion bewilligt sei. Der Enthusiasmus und der stürmische Ausbruch von Lob undDank wendete sich zuletzt sogar auf den Gouverneur selbst. Lebehochs auf denser, seine Familie, die Konstitution, endlich den Gouverneur ertönten lange Zeit hi^durch ununterbrochen. Man sang eine deutsche Volkshymne. Die Damen schwe^ten weiße Tücher; grün und weiße Fahnen erschienen aus den Logen. Dann verb^man auf Vorschlag eines Redners einmüthig da- Theater. Eine allgemeine 2)"leuchtung wurde veranstaltet, und die malerische Alpenstadt glänzte noch langein die Nacht hinaus.