Die Märzkatastrophe in Ostreich. 73S
So endeten die drei Märztage. In der kurzen Spanne Zeit, die ihr Begin-nen vom Schlüsse trennt, drängte sich die Summe von Veränderungen zusammen,die im gewöhnlichen Gange der Dinge die Dauer eines Men^eualters erfodert hät-ten. Daher sind in ihren raschen Übergängen die verschiedenen Stadien, wenn auchgleichsam nur markirt, zu erkennen, durch welche die Revolution den Weg von deneinzelnen Reformen bis zur Gründung einer gänzlich neuen Staatsordnung verläuft.Fast alle Parteien, die in sie eingetreten, fanden sich am Schlüsse in ganz andererStellung als die war, welche, sie bei ihrem Beginne eingenommen. Das neue andie Stelle des alten getretene Ostreich stand in Beziehung auf sein eigenes Innerewie nach außen als ein Staatskörper da, dessen von Grund aus umgestaltetes Le-bensgesetz mit dem ehemaligen nichts zu schaffen hatte. Aus eben diesen Verhält-nissen ergaben sich nach allen Richtungen nothwendig Reihen von Folgerungen, de-ren Resultate sich schon am Abend des Constitutionsjubels als concrete Anschauungendem ruhigen Beobachter nicht zu seiner Freude aufdringen mußten.
Die wichtigsten dieser Resultate waren folgende: Mit dem Schlüsse der Volkserhe-bung durch die ertheilte Verfassung trat die Hofpartei, die sie anfangs unterstützt, spätersich ihr, obwol widerwillig, gefügt, aus dieser Bundesgenossenschaft zurück und schlugin das Gegentheil um. Sie hatte die Bewegung unterstützt, solange es sich um eingemeinsames Ziel handelte. Dieses beschränkte sich, scharfumschrieben, auf die Ent-fernung Metternich's. Von da an war ihr freundliches oder feindliches Verhalten nurdurch das nach keiner Richtung zu überschreitende Maß der Reform bestimmt, dassie nach ihrer eigenen Anschauung als nothwendig erkannte. Die äußerste formelleGrenze desselben war eine wirkliche Repra'sentativverfassung. Von dem Augenblickan, wo diese bewilligt, mußte das ursprüngliche dynastische Interesse wieder in seinervollen Entschiedenheit hervortreten, als eifersüchtiges Bemühen, die Consequenzenjener Verfassung in dem Kreise ihres möglichen . Minimum zu erhalten.
Die ständische Neformpartei war in einem ähnlichen Falle. Anfangs vom Volkegestützt, dann von ihm überholt, mußte sie fürchten, nach dem nothwendigen Gangeder Dinge bei der Theilung der Gewalt immer weiter zurückzustehen. Für eineAdelscorporation wird eine Constitution nur dann kein Verlust, wenn sie eine ari-stokratische ist. Die östreichischen Stände waren mit dem Volke Hand in Hand zurFreiheit gegangen; bei der Gleichheit angelangt, mußten sie zur stabilen Partei, d. h.zu jener treten, welche die dampfa'hnliche Ausdehnbarkeit eines politischen Grundver-hältnisses fortwährend in gleicher Condensation zu erhalten sucht.
So tief und folgenreich ferner der Umschwung der drei Tage gewesen, verhielter sich doch in seinem Nachlaß zu einer wirklichen Revolution wie eine Transactionunter Waffen zu einer Vernichtungsschlacht. Was man eigentlich die HerrschaftUennr, die Ausübung der staatlichen Funktionen, war, wenn auch nur formell, fort-während in den Händen der früher damit Betrauten geblieben. Die fundamentaleGewähr des neuen Zustandes, das Constitutionsversprechen, war, so zu sagen, aufdem Wege des Vertrags zustandegekommen. Die praktischen Träger des absolutenSystems, die Beamten, das Militair, die Geistlichkeit, gingen mit ungebrochener^acht in den neuen Zustand der Dinge über, sodaß die Sicherheit der Constitutionden Händen Derjenigen anheimgegeben blieb, gegen deren Willen und Interessen sieiustandegekommen. Principien sind aber in der Wirklichkeit nicht von ihren Par-tien zu trennen; und während die französische Revolution dadurch siegte, daß sieEwe aus ihrer Schule hervorgegangene Verwaltung zur Herrschaft brachte, so bot
konstitutionelle Ostreich das abenteuerliche Bild einer Festung, deren stärkstetunkte ihren Feinden anvertraut blieb.
. Wennschon die Existenz der politischen Parteien sich als eine Reihe fortlaufen-der Erschütterungen darstellt, so wurden die in Östreich vorauszusehenden noch von?eneri der Nationalitäten gekreuzt. Der Grundsatz der Freiheit und Gleichheit istns Praktische übersetzt die Herrschaft der Majorität. Diese gilt aber nur innerhalb
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