742 Die Arrhaltischen Herzogthümer.
recht greller und schreiender Weise bloslegte, und dadurch nicht wenig zur völli-gen Erschütterung und Untergrabung des schon seit lange wankendgewordenen Ver-trauens beitrug.
So traf also in beiden Ländchen schon vor dem März 1848 gar Manches zu-sammen, was ihrem Namen eine weit über die engen Grenzen ihres Areals hinaus- !reichende Celebrität verlieh; und es hat daher nichts Befremdendes, wenn sie auch !in der neuesten Zeit mehr als andere Lander von gleicher Große ein allgemeines !Interesse für sich in Anspruch genommen, und namentlich durch die Ruhe, in wel-cher der Umschwung der Dinge vorsichging, und durch die Schnelligkeit, mit welcherdie neuen Ideen hier Leben und festen Boden gewannen, die Augen von ganzDeutschland auf sich gelenkt haben. Der Grund dieser raschern und — wenigstensanfangs — erfolgreichern Entwickelung lag einerseits in den gerade bestehenden dy-nastischen Verhältnissen, andererseits in der besondern Art und Weise, wie beideLänder bisher verwaltet worden waren. In Betreff des ersten Punktes ward esnamentlich von ganz außerordentlicher Bedeutung, daß kurz vor dem Eintritt derMärzbewegung mit dem Ableben des HerzogS Heinrich die köthensche Linie gänzlichausgestorben und über„das Schicksal des köthenschen Landes zwischen den beiden an-dern Linien noch keine Übereinkunft getroffen wär. So genoß Köchen den Vortheil, daßes sich beim Beginn der Bewegung ohne festbestimmtes und bleibendes Oberhaupt be-fand, was ihm von vornherein eine fast republikanische Stellung gab. Zwar hatteden alten Hausverträgen gemäß der Herzog von Dessau als Senior des HauseSAnhalt sogleich die Regierung übernommen; allein dieses Verhältniß war doch zu-nächst nur ein provisorisches, weder durch die Gewohnheit noch durch Verträge ge-heiligtes, und daher das Band zwischen Fürst und Volk hier noch weit lockerer alsirgendwo. Unter gewöhnlichen Aeitumständen und nach den stattgehabten Antece-dentien würde das Land zwischen beiden Linien getheilt worden sein. Wirklich war nauch vor dem März, trotzdem daß sich das köthensche Volk dagegen sträubte, daß !bei dem voraussichtlich nahen Erlöschen der bernburgischen Linie und bei den gerin-gen Vortheilen, die zur Zeit mit einem Erwerb Köthens verbunden sein mußten,eine Theilung in der That ein Unsinn gewesen, bereits von mehren Theilungsplanendie Rede. Jetzt aber, wo plötzlich der Volkswille weit schwerer in die Wagschalefiel als alle dynastischen Interessen, mußte diese Idee gänzlich aufgegeben werden.So geschah es, daß Köchen als besonderer Staat fortbestand, der zwar den Herzogvon Dessau auch als seinen Herzog betrachtete, aber doch, wenn das Volk von Kö-chen in dieser Anschauung verharren sollte, von oben herab weit nachgiebiger undrücksichtsvoller behandelt werden mußte als ein wirklich incorporirter Staat, indeweine Reaction gegen den Volkswillen unter den damaligen Verhältnissen leichteinen gänzlichen Abfall hätte nachsichziehen können. Nun aber durfte, was den»kaum erworbenen Köchen gewährt wurde, auch dem Stammlande Dessau nicht ver-weigert werden; und so sah sich die Krone, abgesehen von der persönlichen Willfahr,rigkeit des Herzogs, schon um ihrer eigenen Vortheile willen genöthigt, den Volks' !thümlichen Bestrebungen größere Concessionen zu machen als andere Regierungen.
Noch mehr wurde die Bewegung gefördert durch den allgemeinen Widerwille»'des Volks gegen das bisherige Negierungs- und Verwaltungssystem, welches in bei'den Ländern von rein-bureaukratischer Farbe war. In Dessau lag seit dem9. Aug. 1817 erfolgten Regierungsantritt des jetzigen Herzogs mcbr oder windet ,alle Gewalt in den Händen des Regierungspräsidenten, welche Stellung anfand :Basedow, seit 1836 der wirkliche Eeheimrath von Morgenstern bekleidete. Zw^war die „Regierung" keineswegs eine alle Staatsgewalten in sich vereinigende Obe?behörde: sie stand eigentlich nur an der Spitze des Justizwesens und hatte danebc"noch einige VerwaltungSzweige, ;. B. die Leitung der Jnnungssachen, die Verw^tung der Brandkasse, unter sich. Außerdem bestanden noch ein Konsistorium, ei^Nentkammer und mehre andere Jmmediatbehörden, z. B. daß Oberforstamt, ^KriegScommission, die Medicinalcommission, die Armencommission, u. s. w. Da ab*