Die Anhaltischen Herzogthnnrer. 761
dere Vorliebe für öffentliches Leben und öffentliche Interessen mit dem Volke in nä-here Beziehung getreten, als vielleicht anderwärts geschah. Dazu kam ihr überall starkvolkstümliches, alle Fesseln der Etiquette abstreifendes Auftreten, und der Besitz geradesolcher Talente und Eigenschaften, die für das Volk eine natürliche Anziehungskrafthaben. Besonders zeichneten sich in dieser Beziehung die kothenfchen Abgeordnetenund unter diesen wieder die Deputirten Wolter, Sander, Schilling, von Dehr,Vierthaler II. aus, wahrend die mehr oder weniger hervortretenden Kapacitäten der drs-sauer Vertreter, z. B. Lagemann, Pannier, Nnlandt, Fiedler, verhältnismäßig eingrößeres Gewicht auf die Form zu legen pflegten. Zm Ganzen traten überhaupt^ie köthenschen Deputirten mehr als die dessauischen in den Vordergrund, was sichunter Anderm auch in der Wahl des Abgeordneten Wolter zum Präsidenten derVersammlung kundgab. Doch hatte dies keine weitere Scheidung der Deputirtennach den beiden Ländern, noch irgend eine bemerkbare Eifersucht zwischen ihnen zurFolge. Auch rücksichtlich ihrer politischen Gesinnung fand keine scharf hervortretendeTheilung in Parteien statt. Zwar fehlten die Gegensätze, auf denen die Fractionenanderer Versammlungen zu beruhen pflegen, auch hier nicht; allein sie grenzten sichdurchaus nicht so scharf ab wie anderwärts, weder innerhalb der Sitzungen selbstnoch in den Vorberathungen, sodaß höchstens von Schattirungen, aber nicht voneigentlichen Fractionen die Rede sein konnte. So neigten die Abgeordneten Nulandt,Braunbehrens, Partheil, Hölemann und Andere offenbar am meisten zu den Grund-sätzen der Rechten; die Abgeordneten Wolter, Sander, Schilling, Vierthaler II.,von Behr, Fiedler hingegen verfolgten am consequentesten die Tendenzen der Linken;die Abgeordneten Lagemann, Habicht (Bruders des Ministers), Vierthaler I., vonPrüschenk u. s. w. konnten als Mitglieder des Centrums gelten. Ungeachtet dieserDiversion im Allgemeinen gestalteten sich bei den einzelnen Debatten und Abstim-mungen die Fractionen oft ganz anders, sodaß die Mitglieder der äußersten Linkenzuweilen mit denen der äußersten Rechten und umgekehrt gingen. In gleichem Ver-hältnisse stand man zum Ministerium. Fand auch dasselbe im Ganzen seine Stützebesonders in der Linken, so kam es doch auch nicht selten vor, daß sich gerade dieRechte seinen Propositionen anschloß und dieselben gegen die Linke vertheidigte: kurz,es entschied in der Versammlung nicht sowol die vorgefaßte Parteianficht als viel-mehr die individuelle Überzeugung.
Der Gang der Verhandlungen ward durch den vom Ministerium vorher inbestimmte Abtheilungen zerlegten dessauer Verfassungsentwurf bestimmt. Demnachverhandelte man zuerst über die Volksrechte, sodann über die Befugnisse der Volks-Vertretung, hierauf über die Stellung des Herzogs und des herzoglichen Hauses, undzuletzt über die einzelnen Zweige der Regierung und Verwaltung. Die Verhand-lungen gingen im Ganzen rasch vor sich und waren, jenachdem die Gegensätze schwe-rer oder leichter zur Einigung gelangten, mehr oder weniger gründlich und er-schöpfend. Zu denjenigen Discussionen, welche besonders hervorgehoben zu werden ver-dienen, gehört zunächst die über die Abschaffung des Adels, wozu den Antrag derHerr von Prüschenk, ein Edelmann alten Geschlechts, gestellt hatte; ferner die De-batten über das Versammlungsrecht, über die Benetzbarkeit der richterlichen Beam-ten, über die Abschaffung des Militairs, über die Entschädigung unschuldig Verhaf-teter, über die Gesetzgebung, über die Modalitäten eines dem Ministerium zu gebendenMißtrauensvotums u. s. w. Als charakteristische Punkte der Verfassungsurkunde,wie dieselbe aus den Verhandlungen hervorging, sind zu bemerken: Paragraph 4:„Die Regierungsform ist eine demokratisch-monarchische"; Paragraph 5: „AlleGewalten gehen vom Volke aus"; Paragraph 8: „Im Staate besteht kein Unter-schied der Stände. Der Adel wird hiermit abgeschafft. Alle zur Bezeichnung deSAdels dienenden Ausdrücke verlieren diese Bedeutung und werden vom Staate wederAnerkannt noch gebraucht." Trotz dieser und einiger anderer Paragraphen, in denenvas demokratische Princip mit besonderer Stärke hervortrat, war jedoch die Ner-'assung im Grunde keineswegs so radical geartet, wie die Reaction sie verschrien hatz