Band 
Fünfter Band.
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765
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Die Anhaltischen Herzogthümer. 765

Partei des Nachbarstaats zu, und bringt die Vorgänge namentlich mit der An-wesenheit eines der Gebrüder Gerlach aus Preußen in Dessau in Zusammenhang.Inwieweit diese letztere Ansicht auf Wahrheit beruht, und ob, wie behauptet wird,Habicht darum seine Entlassung gcfodert habe, weil hinter dem Rücken des Ministe-riums ein Anschluß an das Dreikönigsbündniß betrieben worden, mögen wir nichtentscheiden: nur soviel steht unbestreitbar fest, daß die reactionairen Bestrebungen imInnern Dessaus selbst schwerlich von Erfolg gewesen sein würden, wenn ihnen nichteine mächtige äußere Hülfe zur Seite gestanden hätte. Jedenfalls kam dies demHofe selbst zum Bewußtsein, und dieser hielt es darum für gerathen, lieber das Mi-nisterium durch Federungen, die dasselbe seinen Grundsätzen nach nicht erfüllen konnte,zum freiwilligen Rücktritt zu veranlassen, als ihm geradezu die Entlassung zu ertheilen.Auch glaubte man der Stimmung des Volks und der Volksvertretung durch denneuen Minister einige Rücksicht beweisen zu müssen, indem man beim Landtage, inder Sitzung vom 12. Juli, den nunmehrigen Ministerpräsidenten Goßler die Erklä-rung abgeben ließ, daß in dem Ministerwechsel nur ein Wechsel der Personen, nichtein Wechsel des Systems enthalten sei.

In der That schien man einen Systemwechsel jetzt wenigstens noch nicht fürmöglich zu halten, denn die Zusammensetzung des neuen Ministeriums geschah ausMännern wie Goßler, Plötz und Vierthaler, welche sich, wenn auch nicht gerade de-mokratisch, doch stets aufrichtig liberal gezeigt und zum Theil die Verfassung mit be-gründet hatten. Mau gedachte sich also nicht Hals über Kopf in die alten Zuständezurückzustürzen. Dessenungeachtet nahm das Volk diese Maßregel mit großem Un-willen auf und gab dies durch eine Menge von Petitionen an den Herzog und Dank-und Vertrauensadressen an Habicht und Köppe zu erkennen. Zugleich ward vonSeiten des köthenschen Landtags bei Verkündigung des Ministerwechsels, vom dessauerLandtag in der Sitzung vom 19. Juli dem abgetretenen Ministerium einstimmig dieAnerkennung seiner Verdienste ausgesprochen. Im Übrigen hielt sich das Volk trotzder großen Aufregung ruhig, und verzichtete selbst aus alle der Misdeutung ausge-setzten Demonstrationen; man sah wol ein, daß die Reaction Demonstrationen oderUnordnungen wünschte, um Gelegenheit zur Requisition fremder Bayonnete zu er-halten und alsdann desto zuversichtlicher auf der Bahn des Rückschritts vorschreitenzu können. Ungeachtet der Ruhe war aber nun das herzliche Einverständniß zwischenFürst und Volk, welches in Dessau noch nie in der Weise wie seit dem März 1848bestanden hatte, zu Ende. An die Stelle desselben traten Mistrauen, Parteihaß unddaraus entspringende gegenseitige Reibungen, von denen sich die dessau-köthensche Be-wegung mehr als irgend anderswo frei erhalten hatte. Wie schon früher, regte sichdie Reaction auch am stärksten in der Geistlichkeit, indem man sich besonders gegendie Einführung der Civilehe richtete, von der man eine bedeutende Schmalerung desgeistlichen Ansehens und der kirchlichen Einkünfte fürchtete. Wenn man jedoch ge-hofft hatte, daß das neue Ministerium hierzu sofort die Hand bieten werde, so mußteman sich in diesem Betracht bald getäuscht sehen. Denn schon unterm 28. Juli er-ließ das Ministerium ein „Provisorisches Gesetz zur Ausführung der in Paragraph 23der Verfassung über die Führung der Standesbücher und die Civilehe insbesondereenthaltenen Bestimmungen", das ganz im Sinne der Verfassung gehalten war undbereits mit dem 1. Aug. in Kraft treten sollte. Daß dies sehr dazu beitragen mußte,dem neuen, anfangs nicht ohne Mistrauen aufgenommenen Ministerium Vertrauenim Volke zu erwecken, war natürlich und lag vielleicht nicht außer Berechnung desselben.

Ebenso waren auch die Grundsätze, welche der Ministerpräsident Goßler bei deram 15. Aug. erfolgenden Eröffnung des vereinigten Landtags im Namen des Mini-steriums aussprach, insofern für die volksthümliche Partei beruhigend, als daraus her-vorzugehen schien, daß die Regierung an Verfassungsänderungen nur denken wolle,wenn die Vorschläge dazu aus dem Schoose des Landtags selbst hervorgehen sollten.Diese Hoffnung erwies sich freilich späterhin als eine illusorische, hatte jedoch dieFolge- daß der Landtag auch seinerseits in den ersten Verhandlungen soweit als mög-