Hessen-Darmstadt. 497
Hrhung der Unbemittelten gegen die Bemittelten, woran man eS schon lange nichthatte fehlen lassen, trug ihre Frucht, und all der Skandal eines kleinen DorftriegSbrach abermals los. Man mußte von Darmstadt ein Truppcncommando nach Kirch-brombach entsenden, um demselben ein Ende zu machen. Kattmann wanderte imFrühjahre 1850 nach Amerika aus.
Aber statt der einen freien Gemeinde zu Kirchbrombach waren nunmehr im^erlauf zweier Jahre eine Anzahl solcher Gemeinden im Hesscnland entstanden. Nirgend-war trat eine ganze Ortsgemeinde über, sodaß hierdurch der innere Zwist unter dendauern nur noch vermehrt wurde; dagegen sind fast in allen Gemeinden des LandesZerstreute Mitglieder gewonnen worden. Ja, im Jahre 1850 soll die Zahl der freienGemeinden in Hessen-Darmstadt schon beinahe der Zahl derselben in dem zwanzigv'al großer« Königreich Preußen gleichgekommen sein! Nicht blos die Neiseprediger,""ch ein eigenes Zeitungsorgau, der von Kattmann herausgegebene „Lucifer" oder" Kirchentcufel", hatte die kirchbrombacher Lehre für fernere Kreise vermittelt. DasMaßlose Blatt mußte zwar bereits in der ersten Zeit seines Bestehens den Druckortwechseln, und aus dem Odenwalde nach Darmstadt übersiedeln, weil der Drucker"ach einigen übcrstarken Proben sich fürchtete oder schämte, seine Schriften fernerhiniu solchen Dingen herzugeben.
Die Vorgänge in Kirchbrombach hatten durchaus nichts gemein mit demDampfe für Glaubensfreiheit, für eine freisinnige religiöse Richtung im edcln Sinne°cs Worts. Sie waren eine auf die niedrigsten selbstsüchtigen Gelüste bereits halb-wegs ruinirter Bauern gegründete Wühlerei. Und dennoch so viel Zähigkeit und einsolcher Erfolg! Kattmann war weder durch Wissen und Talent, noch sonstwie durchse>ne Persönlichkeit ausgezeichnet. Im Gegentheil, von seinem Wissen und Charakter">ech man überall nur Vcrncinxndcs zu berichten. Er erschien als Werkzeug, das sich3anz zufällig fand; und eben nur durch seine innere Unbcdeutenhcit war es ihm ge-geben, die einmal übernommene Rolle so konsequent durchzuführen. Die eigentliche'"oralische Schuld der Vorgänge und alles Dessen, was sich daran knüpft, fällt aufselbstgenügsame kirchliche Bureaukratie Hessen-Darmstadts zurück, die hier ganzb>eselbe äußerste Opposition hervorrief, wie es früher in Preußen eine kctzerrichtcrische.rotcstautische Hierarchie gethan. Das Oberconsistorium war seit langer Zeit blosWst weiteres Bureau zu den vielen andern in einem bureaukratischen Staate. Dieund selbständigere Organisirung, welche dem Complcx der verschiedenen kirch»Behörden noch weit mehr zukommt als den politischen, vermißte man gänzlich.^W.Kk'chcnvorstände b^^en sich, wenn auch nicht dem Wortlaute der gesetzlichensil, Mmmig, doch der That nach in vollständigster Abhängigkeit von dem Obcrcon-uvrium. Darum blühte das Actenrcgiment in der ^Kirche, aber von einem wahr-. steii Kirchenrcgiment fand sich kaum eine Spur. Über dem Pfarramt ward fast^all der Seelsorger vergessen. Die breiten Bcttclsuppen eines altmodischen zopfi-N Nationalismus mußten das Volk dem kirchlichen Interesse gänzlich entfremden,rrv kleines Beispiel zur Kenntniß hcssen-darmstädtischen Kirchenthums möge nur, ^?h«t werden, daß man sich nicht getraut hatte, Luther's Kriegs- und Sicgcsliedseste Burg ist unser Gott" einfach, sowie es der Reformator geschrieben, inH^Gcsaiigbuch zu setzen. Man stellte den Versen Lucher's eine Art Vorwort in
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voran, worin es heißt, daß man so zu unserer Väter Zeiten gesungen, und
3ei/ das Lied selbst als eine Art historischer Curiosität an, die freilich für unsere
' mehr passe! Wie mit den Pfarrern, so stand es auch großentheils mit
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Der Lehrer sah sich zuerst als einen Schulbeamte» an und dann aucheinen Erzieher des Volks. In manchen Orten fungirten die Lehrer^tter "sbenbci als Bürgcrmcistereischrciber, gelegentlich also auch als Stcllver-de„ ^ ^ Bürgermeisters. Wenn dann einzelnen rheinhcssischen Dorfschullehrern in^edch^ 4848 und 1849 die Obliegenheit des Unkerrichtens so ganz auS demHtmsse entfiel, daß sie mit der Vorlesung und Erklärung der „ Mainzer Zei-
"Trsenwart. ^ ZI