Die Anästhetischen Mittel. 103
^ugen ausreiben, verwundert umhcrschcn, hört sie auch hin und wieder noch unzu-sammenhängend wie im Traume sprechen; allein rasch kehrt ihnen das Bewußtseinvollständig und ungetrübt wieder. Aufgcfodcrt zu gehen, zeigen sie noch Unsicherheit>m Finden des Schwerpunkts, gehen wankend und mit hochaufgehobcncn Füßen um-her, klagen über Schwindel, Mattigkeit, Schläfrigkeit, hin und wieder auch über Brech-neigung und erbechen sich auch manchmal wirklich, womit indessen rasch alle unan-genehmen Empfindungen beseitigt und sie sofort ihrem frühern gesunden Zustandevöllig wiedergegeben sind. Beunruhigende Symptome für längere oder spätere Zeitwurde» bei der Chloroformeinathmung nie bemerkt.
Der Apparat, welcher in allen Fällen zum Chloroformisiren ausreicht, ist ein trich-terförmig gefaltetes Taschentuch, oder, was minder gut, ein ähnlich geformter feinerBadeschwamm. Zwar hat man nach dem Principe der Äthercinathmungsapparate auchsolche für die Chloroformeinathmung von den verschiedensten Seiten her empfohlen, undzum Vortheile derselben angeführt, daß man damit Chloroform erspare, die Reizungder Gesichtshaut verhüte, die Einathmung erleichtere und sie zu produciren im Standesei; allein diese Vortheile werde» mehr als ausgewogen durch die mit diesen compli-cirten Apparaten und Instrumenten auch wieder verbundenen Nachtheile. Denn ab-gesehen davon, daß sie gewiß ganz unnöthig sind, kosten sie auch noch ziemlich vielGeld, müssen fortwährend gereinigt und in gutem Stande gehalten werden, sindferner dem Publicum unbeliebt, ekelerregend, lassen dem Einathmenden nicht gehörigLuft u. s. w., weshalb dem angegebenen einfachsten Apparate, der zugleich auch derreinlichste und wohlfeilste sein kann, durchaus der Vorzug eingeräumt werden muß.Die mittlere Quantität Chloroform, welche zur Erzielung einer hinreichenden Narkoseauf das vorzuhaltende Tuch gekräuselt werden soll, beträgt 1'/-—2 Drachmen preu-ßischen Medicinalgewichts. Bei vielen Menschen zeigte sich selbst eine noch geringereGabe (oft schon 20—30 Tropfen) ausreichend; bei einzelnen aber brauchte man wie-der drei bis vier Drachmen der Flüssigkeit, um zum Ziele zu gelange». Was dieZeit der Einathmung betrifft, so schwankt dieselbe zwischen 5 Minuten; am häu-figsten erfolgt indessen die erfoderlichc Betäubung zwischen ein bis zwei Minutenlanger, versteht sich, zweckmäßiger, Einathmung. Daß nämlich hierbei wie bei demvorigen Punkte Reinheit des angewendeten Präparats, Art und Weise der Einath-mung, körperliches und geistiges Verhalten der Einathmenden, dessen Alter, Ge-schlecht, Konstitution u. s. w. den größten Einfluß haben, bedarf wol keiner wciternAuseinandersetzung. Läßt man Thiere das Chloroform über den Zustand von Ge-fühl-, Bewegungs- und Bewußtlosigkeit hinaus noch längere Zeit einathmen, so er-folgt, unter immer größerer Verlangsamung und Schwäche der Herz- wie Athmungs-thätigkeit, nach einigen konvulsivischen Zuckungen der Extremitäten, einzelnen stoß-weisen, tiefen Inspirationen und hin und wieder nach einem letzten Angstschrei,natürlich auch hier der Tod. Allein nicht blos bei Thieren kann man willkürlichdaS Leben durch Chloroformeinathmung nehmen, sonder» auch bei Menschen ist sol-ches unwillkürlich aus Unvorsichtigkeit, durch zu langes Einathmen des Chloroformschon öfter der Fall gewesen; ja eS ereignet sich in neuester Zeit sogar ziemlich häufig,daß des Lebens Überdrüssige sich des Chloroform zum Selbstmorde bedienten.*) Einhannoverscher Arzt, Or. Nik. Verend, hat im Jahre 1850 eine geordnete Zusam-menstellung der aus zuverlässigen Quellen gesammelten Todesfälle nach dem anästhe-tischen Gebrauche des Chloroform veröffentlicht, und allein 48 Fälle von angeblichem
*) Man findet bei mit Chloroform getödteten Menschen wie Thieren das Blut dunkler ge-röthet, lockerer geronnen, selbst flüchtiger als im normalen Zustande. Das Herz und die großenVenen der Brust und Bauchhöhle, mitunter auch die der Gehirnhäute, sind damit strotzendangefüllt und erheblich dadurch ausgedehnt. Beide Lungen sind meistens aber blutleer, zu-sammengefallen, blaß rosenroth gefärbt, die Schleimhaut der Bronchien nur in BusnahmS-fällen erkrankt. Gehirn, Rückenmark und die übrigen Organe zeigen keine hervorragendenAbänderungen; nur findet man hin und wieder um die Lippen, das Kinn, die Nasenspitzeleichten RkWustanh in Folg« lokaler Einwirkung her Chloroform aus hie äußere Haut.