106 Die Unästhetischen Mittel.
und also unempfindlich gemacht, ohne daß das Thier sonst darunter gelitten hätte.Seit Entdeckung des Chloroformismus endlich haben verschiedene Arzte, darunterI. Roux in Toulon, auch das Chloroform äußerlich und zur örtlichen Schmerz-stillung angewendet und empfohlen. Obgleich nun aber die örtlich schmerzstillendenEigenschaften sich in allen den Agentien vorfinden, deren allgemeine schmerzstillendeEigenschaft man bisher kennen gelernt hat: so haben doch die bis jetzt über localeAnästhesie damit gemachten Erfahrungen den davon gehegten Erwartungen aus mehr-fachen Gründen nicht entsprochen. So z. B. bewies sich die vom Chloroform viel-fach gerühmte örtliche Schmerzstillung unsicher und ungenügend; und falls sie auchentsprochen hatte, erzeugt doch das Chloroform, auf die äußere Haut längere Zeitangewendet, eine flüchtige Verbrennung ersten und selbst zweiten Grades, welche, ab-gesehen von den damit verbundenen Unannehmlichkeiten, den nöthigen weitem Fortge-brauch des Mittels schon unmöglich machen muß.
Gechlorter Chlorwasserstoffather.
Erst in allcrneuester Zeit, zu Ende des Jahres 1850, ist es einem französischenArzte, Dr. Aran in Paris, gelungen, nachdem er unermüdlich eine Menge chemischerStoffe in dieser Beziehung der Prüfung unterworfen hatte, eine Gruppe chemischer,dem Chloroform sehr nahe verwandter Verbindungen aufzufinden, welche im Standesind, dem vorgestellten Zwecke zu entsprechen und, örtlich angewendet, den Schmerzohne sonstigen Nachtheil für den Organismus niehr oder «linder erfolgreich zu be-seitigen vermögen. Es waren dies zwei Sorten des bekannten lügueur äes llollsn-clsis, des sogenannten Elailchlorür, oder des Öls des ölbildenden Gases, bekanntlichein in der ersten Zeit der sogenannten antiphlogistischen Chemie von vier holländischenChemikern (Ouilo clss (lliimistss kollsnclsis) entdeckter Körper, der aus einer Ver-mischung gleicher Volumina Chlorgas und absolut reinen Kohlenwasserstoffgases ent-steht, die sich vermischt innerhalb weniger Augenblicke zu einer ölähnlichen Flüssigkeitverdichten. Doch nicht mit beiden Sorten der „Holländischen Flüssigkeit", welchel)r. Aran zufällig aus verschiedenen Fabriken sich verschaffte, erzielte er die gleicheschmerzstillende Wirkung, sondern ganz besonders nur mit einer derselben, die sich beinäherer chemischer Prüfung als flüssiger Chlorkohlenstoff (LKIorurs cls llsrdorw li-quiclo) erwies, oder vielmehr nichts Anderes war als ein l.iqusur cks8 klollsnckiiisoklorss, eine Holländische Flüssigkeit, der eine gewisse Quantität Wassers entzogenworden und dafür eine äquivalente Menge Chlors zugegangen war. Da nun aberder Ankauf dieser gechlorten Holländischen Flüssigkeit zur Zeit noch zu theuer kommt,als daß dieselbe ohne Weiteres in die Therapie eingeführt werden könnte, so kam „Pro-fessor Mialhe in Paris auf die Idee, dieselbe durch eine analoge, aber wohlfeilere Ather-verbindung zu ersetzen, etwa durch Einwirkung des Chlors auf den Chlorwasserstoff-äther oder den sogenannten Salzäther. Der Chemiker Regnault hatte nämlich schonfrüher durch sehr schöne Untersuchungen dargcthan, daß das Chlor bei seiner Einwir-kung auf den Chlorwasserstoffäther demselben durch Bildung von Chlorwasserstoff-säure den Wasserstoff entzieht und dann sich an die Stelle des entzogenen Wasser-stoffs setzt. Aus diese Weise entstehen vier je nach ihrem Chlorgehalte verschiedeneChloräthcrarten, welche Regnault als Ltimrs mono-, bi-, tii- st qusclriclllorss be-zeichnete, von welchen aber die beiden erster« zu flüchtig sind, um mit Erfolg alslocale Anästhetica benutzt werden zu können, die beiden letzten: mit Chlorüberschußbehandelten Verbindungen dagegen, welche dichter und somit minder flüchtig sind, so-fort jene therapeutischen Erfolge vollkommen erzielen ließen, die vr. Aran von seinergechlorten Holländischen Flüssigkeit vordem erlangt hatte. Diese beiden Flüssigkeitennun, welche chemisch nur wenig voneinander unterschieden sind, deshalb ohne Zweifelfür einander gebraucht werden können und wol auch bei ihrer Bereitung miteinandergemischt vorkommen, dagegen von dem oben erwähnten und längst bekannten lä-queur clos llolloncisis wol sehr verschieden sind, nennt Mialhe: Ltiier cdlorb^äriquo
cklore, gechlorten Chlorwasserstoffäther; und diese Atherart eigentlich ist es, welcht