310 Die deutsche Nationalversammlung.
regeln. Er erzählte die Vorgänge in der Sitzung der Ausschüsse. Heckscher hattedort erklärt, vom Inhalte der an Preußen ertheilten Vollmacht sei nie etwas zurück-genommen worden, und man habe immer vorausgesetzt, es bedürfe einer Geneh-migung der Nationalversammlung. Aus einem Schreiben Pcucker's an Wrangelging hervor, daß das Reichsministerium noch in den letzten Tagen geglaubt, es handlesich nur von einem dreimonatlichen Waffenstillstände. Aber auf sieben Monate aus-gedehnt, entzog er den Deutschen die Möglichkeit, sich der Vortheile der winterlichenJahreszeit im Kriege gegen Dänemark zu bedienen. Die Aufhebung der Proviso-rischen Regierung und ihrer Gesetze mache, so meinte Dahlmann, die Stellung derschlcswigschen Abgeordneten im Parlamente zu einer ungesetzlichen. Dann habe manden Grafen Karl Moltke-Nütschau an die Spitze der neuen Regierung berufen, also geradeden Mann, der im Lande am meisten verhaßt sei, und sich dort nicht sehen lassendürfe. Durch die Trennung der Truppen der zwei Herzogthümer sei die Trennungdieser Lande selbst schon angebahnt. Schleswig-Holstein werde widerstehen; Frei-scharen aus ganz Deutschland würden ihm zu Hülfe ziehen. Anarchie drohe in denHerzogthümer» und in ganz Deutschland. Dürfe das Parlament seine Laufbahn mitdem.Bruche der heiligsten Zusagen beginnen? dürfe man die neue Einheit, die neuedeutsche Macht in ihrem ersten Aufkeimen beschneiden, zerfetzen, zerbrechen lassen?Wenn man sich bei der ersten Prüfung dem Auslande unterwerfe, dann werde dasParlament sein Haupt nie wieder erheben.
Dahlmann's Stimme, weder kräftig noch klangreich, war von der innern Machtso gehoben, daß er in allen Theilen des Hauses vernommen, daß Alles erschüttertwurde. Sein verdrießliches Gesicht mit dem eigenthümlich verzogenen Munde hatteden Ausdruck ernster Vorahnung gewonnen, und nie lag eine solche bange Schwüleüber der Halle von St.-Paul wie in jener Stunde, wo Dahlmann den Fall derNationalversammlung aus dem Fall der schlcswig-holsteinischen Sache prophezeite.Es kam auch wirklich so, und doch ganz anders, als der gelehrte Geschichtskenneres sich gedacht hatte.
Schubert, der Professor aus Königsberg, hatte die undankbare Rolle überneh-men müssen, für die Minderheit der vereinigten Ausschüsse das Wort zu ergreifen.Die Minderheit wollte, daß über die Einstellung der zur Ausführung des Waffen-stillstandes dienenden Maßregeln nicht eher abgestimmt werde, bis ein Beschluß überden Waffenstillstand selbst erfolge; sie verlangte eine ruhige Prüfung der Sache, dabis jetzt noch nicht einmal alle Papiere vorgelegt worden. Schubert machte daraufbesonders aufmerksam, daß die an Preußen ertheilte Vollmacht zwar nichts davonsage, daß Preußen auch zur endgültigen Genehmigung des Vertrags berechtigt sei,daß aber andererseits Camphausen in einem Schreiben vom 3. Sept. ausdrücklicherwähne, daß Preußen sich auf Grund jener Vollmacht zum Abschluß ohne Vorbe-halt ermächtigt erklärte. Diese Gegensätze foderten zur reiflichen Untersuchung auf;dazu habe man aber genügende Zeit, weil nach einer Mittheilung des GeneralsWrangel an das Ministerium für die Räumung der Herzogthümer von einem Theileder deutschen Truppen eine Zeit von 12 Tagen festgesetzt sei. Was aber die Mehr-heit der beiden Ausschüsse verlange, das werde einen Bruch mit Preußen zurFolge haben.
Das Ministerium schickte nun zuerst aus seiner Mitte den General von Pcuckcrauf die Redncrbühne, dessen kurzes, bündiges Wort auf allen Seiten ein freund-liches Entgegenkommen zu finden gewohnt war. Peucker theilte mit, daß aus einersoeben eingegangenen Meldung Wrangel's sich ergebe, daß das Hauptquartier desdeutschen Heeres am 1. Sept. noch immer zu Apenrade gewesen, ,und der größteTheil der Truppe,, zwischen dieser Stadt und der jütischen Grenze aufgestellt sei-Wenn Wrangel auch sofort mit der Räumung beginne, so brauche er dazu 10—12Tage. Erhalte er den Befehl, wieder einzurücken, so könne dies immer ohne Hin-derniß geschehen, da ja auch der Vertrag bestimme, daß nach Aufhören des Waffen-stillstandes jeder Theil seine frühere Stellung einnehmen dürfe. Wolle man der