314 Die deutsche Nationalversammlung.
im Parlament jedesmal, wenn über die schleswig-holsteinische Angelegenheit zu be-schließen gewesen, Vertrauen zur preußischen Regierung gepredigt; dieses Vertrauenfei nicht gerechtfertigt worden. Man habe von Entschädigung für die Verluste ge-sprochen, die der deutsche Handel erlitte»; jetzt solle im Gegentheil Dänemark ent-schädigt, Deutschland aber mit der Herausgabe der Schiffe abgefunden werden. ^
Die tüchtigsten Mittel, den verlangten Aufschub der Beschlußfassung zu bewir-ken, wenn dies an jenem Tage möglich gewesen wäre, hatte Lichnowsky in Bereit-schaft. Der Waffenstillstand war ja von Preußen nicht eigenmächtig abgeschlossenworden, sondern auf Grund einer Vollmacht, welche keinen Vorbehalt aussprach.
Preußen war also im Rechte; zweifach im Rechte, weil ihm Alles an der Aufhebungder Handelssperre lag, ja weil es in Wahrheit das Dasein großer Seebezirke, vielerFabrikstädte, zahlreicher Landbauer galt. Lichnowsky machte klar genug die Fehlerbemerklich, die das Reichsministerium begangen haben müsse; allein wenn Viele imParlamente auch gesagt hätten, was eigentlich geschehen solle, so habe doch Keinersagen können, wie es auszuführen sei. Wenn das jetzige Cabinet abtrete, solle seinNachfolger etwa mit der Brandfackel in Deutschland umhergehen und die gleichden-kende Bevölkerung gegen die ihm widerspänstige zum Ausstände rufen? Man mögedoch unumwunden gestehen, was man wolle! Übrigens könne nach Art. 11 desVertrags der Waffenstillstand dem künftigen Frieden keinen Eintrag thun; und nurdie Frage über Krieg und Frieden, nicht über einen Waffenstillstand gehöre gesetzlichzur Entscheidung des Parlaments.
Die Verhandlung war geschlossen. Damit Niemand das Gewicht des bevor-stehenden Beschlusses verkenne, erklärte Schmerling vor der Abstimmung ausdrücklich,es handele sich um Sein oder Nichtsein des Ministeriums. „Gelingt es Männernaus Ihrer Mitte", fügte er bei, „zu einem andern Beschlusse zu kommen, dann ,,hat Deutschland das Recht zu fodern, daß diese Männer nach uns die Leitung derGeschäfte übernehmen und ihren Beschlüssen Geltung verschaffen. Würden sie die- „sem Rufe nicht in der kürzesten Zeit entsprechen, dann müßte ich bedauern, zu be-'Pmerken, daß es leichter ist, eine Maßregel zu tadeln, als selbst eine entsprechendere Ddurchzuführen." Der ernste Ton dieser Ansprache verhüllte die Ironie nur halb, Hmit welcher Schmerlings Geringschätzung die Gegner zu mishandeln pflegte. Wenn ^er ihnen verständlich genug die Ünmöglichkeit voraussagte, die Leitung der Geschäfte Hzu übernehmen, so war diese Berufung auf ihre Unfähigkeit nicht geeignet, sie zur 4'Selbstentsagung oder gar zur Billiguug seines Verfahrens hinzureißen. Die Linke §
war grundsätzlich gegen das Ministerium; noch heftiger als Jene hatte sich die Par- i
tei Westendhall ausgesprochen; das linke Centrum stand wie ein Mann gegen denVertrag von Malmoe. Dazu kamen die Stimmen von 11 Abgeordneten aus j
Schleswig, Holstein und Lauenburg. Eine Niederlage des Ministeriums war un« j
vermeidlich. Der Antrag der Minderheit ward mit 244 gegen 230 Stimmen ab« j
geworfen; 238 gegen 221 entschieden, daß die Maßregeln zur Ausführung des 1
Waffenstillstandes einzustellen seien. >
Unmittelbar nach dieser Entscheidung reichten die Minister nebst allen Unter- !staatssecretären ihr Entlassungsgesuch bei dem Reichsverweser ein. Als Gagern dem ^ ^
Fürsten Leiningen am 6. Sept. den Beschluß vorn vorigen Tage zur Vollziehungübersendete, erklärte der Fürst, das Ministerium halte sich hierzu nicht mehr für be- <
fugt; man möge diesen Beschluß dem neuen Reichsministerium zuweisen, mit dessen ^
Leitung Dahlmann beauftragt sei. Als hierauf der Vorsitzende des Parlaments anden Lehrern die Anfrage ergehen ließ, ob ein neues Ministerium bestehe, dem jene ^Mittheilung zugesendet werden könne, erfolgte die Antwort, daß ein solche- bis dahin ^ 'noch nicht zu Stande gekommen. So wanderte der Parlamentsbeschluß zwischender Paulskirche uud dem Taxis'schen Palast hin und her, und fand Keinen, derdas Wort zur That mache. '
Die Linke hatte gesiegt, zum ersten mal in St.-Paul gesiegt, mit gutem Recht* lgesiegt; aber der Sieg zerrann ihr in den zugreifenden Händen wie eine Nebelbil'