Die deutsche Nationalversammlung. 315
düng. Sofort stellte am 7. Sept. (am 6. hatten die parlamentarischen Geschäftegeruht) Schüler von Jena mit Andern eine dringliche Anfrage an das Ministerium:
Es sei unzweifelhaft die Pflicht abtretender Minister, „die laufenden und dringenden"Geschäfte bis zum Eintritt der Nachfolger fortzuführen; zu den dringendsten Ge-schäften gehöre aber die Vollziehung des Beschlusses von, 5. Sept. Man fragedaher an, welche Maßregeln die Minister in diesem Betreff ergriffen haben.
Die Versammlung erkannte den Gegenstand für einen dringlichen. Schülervon Jena erläuterte nun, für eine Durchführung des Beschlusses seien allerdings dieMinister nicht verantwortlich; aber er verlange, daß es ihnen zur strengsten Pflichtgemacht werde, sofort eine amtliche Mittheilung des Beschlusses an die bürgerlickenund Kricgsbehörden Schleswig-Holsteins zu erlassen. Das war dem wackern Essen-mann denn doch zu viel. Er gab zu bedenken, daß die ehemaligen Munster in ,h-«m Rechte seien, wenn sie nichts in der Sache thun wollten. Allerdings sei aberdie Zogcrung gefährlich; und zur Bildung eines neuen Minister,ums bedürfe esvielleicht einiger Tage. Allein, sagte er dann, „es steht Sr. kaiserlichen Hoheit sre«,aus der Reihe der Mehrheit einen Jeden zum Minister zu nehmen, sei es auch nurauf sechs Stunden, um den Beschluß auszuführen; und ich erwarte es von der Da-terlandslrebe eines jeden Mitglieds, daß es fern von aller persönlichen Eitelkeit sichdazu hergebe, und sollte es auch nur als eine Schreibmaschine erscheinen. Ich we-nigstens bin dazu bereit."
Das gutgemeinte Anerbieten gab der Rechten eine willkommene Gelegenheit zurheitern Verhöhnung. Gerade ihre Niederlage bestärkte sie nun im Bewußtsein ih-rer Überlegenheit Schmerling benutzte den Augenblick, um den Siegern ihre Rath-lostgkeit recht fühlbar zu machen. Er nahm das Wort; und wie im Vorparlamentemst Jeder beim Erscheinen auf der Nednerbühne vor allem seinen Namen nannte,s° begann er jetzt mit jener scharfen, kalten Sprache, deren östreichischer Klang ihretwas Gemüthliches zu geben schien, und die wie auf dem glatten Boden der selbst-zufriedenhcit behaglich einherspazierte: „Abgeordneter Schmerling!" Die Rechteklatschte; dir Linke lachte, aber schwerlich von Herzen. Und mit langsam gezogenenNasentvnen sprach er weiter: „Die Vorgänge von, 5. Sept. sind Ihnen bekannt.Ich hab« mir damals erlaubt, die Erklärung abzugeben, daß die Annahme desMehrhcitsgutachtens den bestimmten Beschluß des Ministeriums herbeizuführen würde,insgesammt seine Entlassung zu erbitten. Es ist Ihnen bekannt, daß an jenemTage die Sitzung um 7 Uhr geendet hat. Unmittelbar hernach haben wir- uns ins-gesammt zum Reicheverweser begeben. Wir haben ihn gebeten, russer Entlassungs-gesuch anzunehmen, und die Entlassung ist uns ertheilt worden."
Eine Stimme von der Linken rief hier „Bravo!" Schmerling antwortetefreundlichst: „Danke!" Mit tiefem, kaum verhohlenem Spott gab er als Grund dessofortigen Rücktritts an, es müsse für die Mehrheit von dem allergrößten Interessesein, einen so dringenden Beschluß sofort zur Ausführung zu bringen. Das Mini-sterium, „diesen Beschluß ehrend", habe sich für verpflichtet gehalten, sobald als mög-lich den Männern Platz zu machen, die „bei ihrer Ehre" verpflichtet seien, jenenBeschluß, den flx herbeigeführt, auch auszuführen. Wenn für diese Aufgabe das
Ministerium noch nicht gefunden sei, so trage nicht das alte hieran die Schuld,da es ,a so sch,,^ als möglich seinen Platz aufgegeben. Als Abgeordneter bemerkeer »och, ^ß die Ehre des Parlaments für die Ausführung des Beschlusses vrrpfan-A st>; aber Jemand zu zwingen, daß er mit der äußersten Kraft s-mcs Geiste- dieM"tel zur Ausführung eines Beschlusses ersinne, den er für unausführbar halte,k ^ Zumuthuna, die man an ein gefälliges Werkzeug der unumschränkten^orrschast, nicht aber a» einen verantwortlichen Minister der Centralgewalt stel-len könne.
Die Linke begriff die Bedenklichkeit der Lage vollkommen. Wesendonck stellted'e Frage, ob bei dem so eiligen Rücktritte des Cabinets nicht etwa die Absicht mit-gewirkt habe, den Beschluß der Versammlung zu hintertreiben. Dir Versammlung