402 Das russische Staatsleben.
Niederlande, die Vertretung Hannovers beim Bunde und die Vereinigung Norlvc- jgens mit Schweden. Dafür gestattete es nicht blos die Anknüpfnng Romanow'-scher Familienvcrbindungen mit dem oranischcn Königshause, sondern bestätigte auchdie Entschädigung Dänemarks mit Lauenburg. Allerdings war solchermaßen auchan dieser Stelle Alles durcheinander gewirrt und unnatürlich wieder verbunden; aber ^beide Großstaaten wahrten sich zugleich die Wiederaufnahme der skandinavischenFrage in jedem beliebigen Augenblicke: und dies genügte vor der Hand, namentlichfür Rußland. Denn die Verträge von 1784 und 1787 hatten Dänemark in einer j
Weise umgarnt, daß die Ereignisse der Napoleon'schen Epoche ihre bindende Kraft !
nur verstärken konnten. Warum also jetzt die Holstein-Gottorp-Nomanow'schen ^
Erbansprüche herausfodcrnd in den Vorgrund drängen? That man dies nicht, so ^
konnte die Belastung der Sundzollfrage im Statusquo ebenso, wie die der Erbfolge- ^
frage erlangt werden. Und daran war für Rußland wiederum außerordentlich viel i
gelegen. Denn eine Unterwerfung Schleswig - Holsteins unter das dänische Erbfolge- , !geseh hätte eine» für Rußlands Interessen weitaus zu starken Gesammtstaat Dänemarkentstehen lassen; die entschiedene Loslösung der Herzogthümer von Dänemark hätteDeutschlands Nordküsten verstärkt und eine deutsche Flotte geschaffen. Blieb dage-gen ein unentschiedenes Verhältniß zwischen den Herzogthümern und dem Königreiche,so blieb Dänemark auf Petersburg gewiesen, welches durch Dänemarks Vertretungder Herzogthümer beim Deutschen Bunde einen gleich starken Kanal zur unmittel-baren Geltendmachung seiner Interessen gewann, wie England durch Limburg. Manerkennt aus diesen wenigen Bemerkungen, wie Rußland auch an dieser Stelle Deutsch-land nur als Mittel zum Zwecke benutzte, nämlich zu dem Zwecke eine Position zugewinnen, welche um die nordöstliche Hälfte des Kontinents herumgreist, und von woaus wieder die Verbindungsfäden über Frankfurt gen Westen gezogen werden können.
Wie nun diese Position benutzt wurde, haben die letzten Jahre bewiesen.
Jetzt bleibt noch ein Blick auf die Verhältnisse Rußlands in der Türkei zuwerfen. Daß die kontinentalen Mächte während der französischen Kriege nur sehr !beiläufig auf die orientalische Frage zurückkamen, war natürlich. Auch waren die asia-tischen Verhältnisse — und auf diese kam es /wesentlich an — keiner Macht so genaubekannt wie Rußland. Gerade diese Bekanntschaft mit jenen Verhältnissen hat demPetersburger Cabinet hier fortwährend große Vortheile verschafft, Vortheile, welcheEngland erst in den letzten 20 Jahren durch den Erwerb gleich genauer Bekannt-schaft mit Rußland zu theilen vermocht hat. Bis zu dem Frieden von Bukareschtschien selbst Östreich die Tragweite der seit dem Beginne des Jahrhunderts in denDonauländern spielenden russischen Machinationen nur in ihrer westlichen, nicht auch !in ihrer östlichen Ausdehnung bemessen zu können, obgleich die östreichische Diplo-matie in Konstantinopel heimischer war als die französische und englische. AberÖstreich versäumte in seiner schwankenden Politik, dem russischen Vordringen von'allgemein europäischen Standpunkte aus entgegenzuarbeiten. Nach seinen jeweiligenspeciellen Verhältnissen zu Frankreich oder England stellte es sich vielmehr bald ge-gen den einen oder andern dieser Staaten, also gewissermaßen stets auf RußlandSeite, ohne doch recht in dessen Absichten blicken zu können. Als aber der Friede >von Bukarescht im Momente der höchsten Schwächung Östreichs (1812) den Best?von Bessarabien für Rußland gewonnen hatte, als der nun ausgcbrochene französisch'russische Krieg das Petersburger Cabinet von jeder Rücksicht gegen Frankreich >v>eÖstreich befreite, da konnte letzteres nicht einmal mehr einen Einwand versuchen.*/Dies gab Rußland einen unermeßlichen Vorsprung. Es konnte alle politischen ,wegungen in der Türkei unterstützen, ohne eine eclatante Entdeckung zu besahr^
Und wo eine solche drohte, wurden die Documente beseitigt, wie z. B. 1813 durchden Gesandten Nedvba, indem er den serbischen Scnatspalast in die Luft spreng^' !
*) England schwieg ebenfalls zu diesem Friedensschluß, um seinen einzigen Bundesgenosseauf dem Kontinent nicht zu verletzen.