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Siebenter Band.
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404 Das russische Staatsleben.

Um der angeblich so nothwendigen Bewachung ihrer selbst alle Kräfte widmen zu kön-nen, übertrugen die kontinentalen Mächte dem russischen Cabinet jene unumschränkteMachtvollkommenheit in der griechisch-türkischen Angelegenheit, welcher England umsonstwiderstrebte. Erst ums Jahr 1824 gewann dann die Erkenntniß weitem Raum, daß i

die Bourbonenregierung eine zuverlässige Armee besitze. Mit dem Verschwinden der »

Angst vor einer unmittelbaren Revolution stellten sich auch die Verhältnisse zu Ruß-land in manchen Beziehungen anders. Zuerst trat England, dann Ostreich denorientalischen Bestrebungen Rußlands entgegen. Und die bittere Sprache der BriefePozzo di Borgo's an Neffelrode (im „Portfolio^ beweist zur Genüge, wie gering das iPetersburger Cabinet die Entschädigung anschlug, welche sich ihm in dem engenAnschlüsse Frankreichs darbot. Während nun die orientalische Frage das offene Feldwurde, wo man sich gegnerisch begegnete, erschlafften in den europäischen Beziehun-gen die Bande der Heiligen Allianz gleichfalls, weil Deutschland durch die politischeRuhe einigermaßen erstarkte. Allerdings blieb Rußlands Übermacht bei der Pforteauch jetzt noch fraglos; aber sie konnte nicht mehr mit gleicher Rücksichtslosigkeitwie bisher vorschreiten, Rußland konnte sich nicht mehr als Bevollmächtigter Euro-pas geriren. Die Petersburger Verschwörung aber, welche bei Alexander's Tode denZarcnthron erschütterte und alle Schichten der ofsiciellen Nation, d. h. des gesamm-ten AdelS durchdrang, enthüllte Europa zum ersten male die innere Unsicherheit desZarenreichs. Ob sie auch niedergeschlagen ward — der Nimbus jener Unversehrt-heit und Unversehrbarkeit war dennoch geschwunden, womit Rußland bisher seinemabsolutistischen Systeme so große Zuversicht verschafft hatte. Und die ersten Kriegs-thaten des Kaisers Nikolaus, der unglückliche Beginn deS Kampfes gegen die Tür-kei, trugen keineswegs dazu bei, die Unbesieglichkeit des russischen HeerS über alleZweifel zu erheben. !

Aber freilich, ein Sieg Rußlands blieb unangefochten,, und ist es noch heute:der diplomatische bei der europäischen Ländervertheilung. Ostreichs, wie PreußensAufmerksamkeit mußte dadurch fortwährend wesentlich vom Osten weg auf denWesten hingelenkt bleiben. Diese Stellung ward um so ungünstiger je weiter hier ^die Revolution fortschritt, je feindlicher Englands, und Frankreichs Interessen aufein- iander trafen. Denn im gleichen Maße mußte Ostreichs wie Preußen- Abhängigkeitvon Rußland wieder zunehmen.

Nikolaus I.

Bekannt ist, daß der Zar Nikolaus sich 21 Tage weigerte, die von Rebellen-Händen angetastete Krone auf sein Haupt zu drücken, bis des ältern BruderS aus-drücklicher Wille entschied. Was eigentlich dieser so großes Aufsehen erregenden An-gelegenheit zu Grunde lag, wie viel freier Wille, wie viel Nölhigung — dies wirdvielleicht niemals vollkommen klar werden. Eine ungeheure Arbeit lag vor dem neuenZar, wenn er in That und Wahrheit wieder ein Selbstherrscher werden wollte. UndNikolaus hat seit einem Viertcljahrhundcrt bewiesen, daß dies schon damals sein hoch'stes Ziel. Wie er diese Arbeit begann, wie er sie fortführte, wohin sie ihn führte,gehört nur in seinem Gesammtresultate zu unsern vorliegenden Betrachtungen. DasGesammtergcbniß läßt sich mit wenig Worten bezeichnen.

Nikolaus hatte das Glück, durch Besicgung der Milita'rrevolution den Thro»der Romanow vollends von einem innern Feinde zu befreien, welcher selbst nochals Schatten das Princip der Alleinherrschaft des Zaren bedrohte. Er konnte sichauf die Theilnahme der altnationalen Bojaren an der Empörung berufen, um si^direct als Feinde des Reichs zu behandeln. Er gewann damit jene Macht wiedervollkommen, welche Peter I. besessen, und es zeugte von einer sehr richtigen Einsich ^in die Sachlagen, als er trotzdem den national-russischen Standpunkt für den seil"' ^gen erklärte. Hätte Rußland auch in seiner äußern Politik vom strcngnationalel ^und starrautokratischen Standpunkte ausgehen können, so vermochte die gcgcnwärt>S