Das russische Staatsleben. E
den Tod der Herzogin von Nassau (1844) war ein wichtiger Punkt Westdeutschlandsohne russische Beziehungen; die frühere Verbindung mit dem würtembergischen Ko-nigShause konnte erst später durch die Vermählung der Großfürstin Olga mit demKronprinzen wieder erneut werde»; auch die Verbindung mit Baden war gelockert.Ferner waren die Absichten der londoner Visite deS Kaisers unerreicht geblieben. Au-ßerdem durchschritten zwar vereinzelt, doch von tiefer Gährung zeugend, eine Mengevon Aufständen die verschiedensten bäuerlichen Districte Rußlands; selbst in Peters-bürg gaben sich mitunter Zeichen einer öffentlichen Verstimmung kund. In Moskauschien sich wieder eine Art von Vereinigung der altrussischen Oppositionselcmente bil-den zu wollen; in Polen erstarken die Verschwörnngsversuche nicht; im Kaukasuskonnten die russischen Massen keinen entscheidenden Erfolg ei siegen. 3m Orient,
namentlich in Persien, erkannte man die bisherigen Erfolge durch England immervon neuem in Frage gestellt; selbst in Centralasien war Rußland seit 1823 UNI kc,.nen Schritt vorgerückt. Vornehmlich hemmte aber der londoner Omadrupelvertrag0842) ein entschiedenes Vorschrciten in der Türkei; die geheimen Agitationen mGriechenland erlitten durch die bekannte Nachtrevolution eine unverbesserliche Enthül-lung; in den südslawischen Landern begann die panslawische Bewegung sehr genauzwischen ihrem Verhältnisse zum russischen Volke und ihrer Stellung zum russischenGouvcrnementalprincip zu unterscheiden. n, - -
Unter solchen Verhältnissen mußte Rußland z» allernächst wieder festen Fuß mEuropa zu fassen suchen; die Allianz mit Frankreich wäre dazu das beste Mittelgewesen. Schon stand man an deren Abschlüsse, als die Februarrevolution von 1848ausbrach, gefolgt von der europäischen Revolution.
Die Februarercignisse in Frankreich, die Märzbewegungen in Deutschland muß-ten den eben angedeuteten Umständen nach auf Rußland den gewaltigsten Eindruckmachen. Um so mehr, als die Ereignisse überraschend für die Höfe kamen undsofort waffcnklirrend die Anerkenntniß der Unhaltbarkcit der bisherigen politischenCombinationen federten. Daß die revolutionären Bewegungen so nahe an dierussischen Grenzen rückten, daß überall die polnische Propaganda neben dem Pro-letariate auf den Barrikaden stand, steigerte die russischen Besorgnisse aufs äu-ßerste. Man verhehlte sich in Petersburg keineswegs, wie den Polen daran lie-gen müsse, den Bruch aufs höchste zu treiben, die nationale Erbitterung gegen Ruß-land zu schüren, einen allgemeinen Krieg zu entzünden. Denn allein aus einemsolchen konnte möglicherweise ein Polen wieder erstehen; und erstand dieses, so warRußland aller Errungenschaften seiner Politik seit Peter l. unsicher. Unter demersten Eindrucke, noch ehe irgend etwas Anderes geschehen konnte, entstand jene be-kannte Proklamation des Zaren, welche Rußlands Völker zum heiligen Kampfe ge-gen die „Heiden" ausrief. An jenen Ausdruck.heftete sich damals der Zorn Euro-pas, und Rußland beeilte sich, ihn auf einen Übersetzungsfehler abzulenken. Manchag zugestehen, daß möglicherweise ein solcher Fehler stattgefunden, denn allerdingsist das „Fasyzy" des Kirchenslawonisch doppeldeutig. Die heiligen Bücher brauchen esfür fremde Völker und Heiden. Dem russischen Kirchenthume gelten eben nichtortho-oxe (nicht griechisch-russische) Völker und Heiden für synonyme Begriffe. Der kir-ien?« Dialekt war für dieses Manifest ebenso wenig .ohne Absicht gewählt, als
NationalkirMe'"^ Rußland konnte sich bei einem Nationalausrufe nur auf die
Ratonalknche berufe»; alle andern Appellationen wären eindruck-lo- verhallt. DaSVerlangen nach radualer Reform der Staatseinrichtungen wartete IN Rußland ebensoauf einen Anlaß zum Hervortreten, wie im übrigen Europa; die Ausbrüche der so-^"Revolution waren bereits seit Jahre., permanent geworden. Aber die russische-vrguffsverwirrung zwischen den politische», socialen und kirchlichen Elementen derneuen Weltbewegung war auch nicht etwa 1848 zum ersten male aufgetreten. Er-wir uns vielmehr, wie seit dem letzten polnischen Kampfe schon immer rönii-Ich« Katholicismus und „lateinische Ncvolutionskirche", bisse und Sarmatenkhuni,armatenthum und revolutionäre Anarchie nebeneinander gestellt und durcheinander