Der Socialismus in Deutschland. 517
darität der conservativen Interessen gegenüber.der Revolution, die mangelhafte Kriegs-bereitschaft Preußens, die bedrohliche Haltung Rußlands, alles Das diente alsEegengrund. In diesem Sinne war auch i» den Hofrcgionen gewirkt wyrden, dennes bedurfte der stärksten Mittel, den König zur Nachgiebigkeit gegen Östreich zubewegen. Zwar unterstützten der König sowol wie der Prinz von Preußen dasRadowih'sche Programm. Von den Ministern hingegen stimmten nur die Herrenvon Ladenberg und. von der Heydt dafür; die Majorität erklärte sich dagegen, undHerr von Mantcuffcl drohte mit seinem Rücktritte, wenn seine Ansicht unterliegensollte. Endlich gab > der König nach, Herr von Nadowitz erhielt seine Entlassung,und Herr von Manteuffel übernahm das Portefeuille der auswärtigen Angelegen-heiten. So bezeichnet der 2. Nov. 1850 einen neuen Wendepunkt in der preußischenGeschichte. Deutschland hatte die Lehre erhalten, daß die Diplomatie viel unfähigerUnd ohnmächtiger als das Volk gewesen, einen Neubau aufzurichten. Die consti-tutionclle Partei mußte erfahren, wie nicht die Demokratie das Hinderniß der Eini-gung sei, wie nur die vereinigten Bestrebungen aller Fortschrittsparteien zur Einheitund Freiheit führen könnten — Erfahrungen, die allerdings vorerst um den Preisder Schwächung Preußens erkauft waren.
Der Socialismus in Deutschland.
Wer jemals von öffentlichen Gesammtzuständcn zu reden gchabt hat, d^ wird auseigener Erfahrung wissen, daß es fast das schwerste unter allen Dingen ist, von denGesammtzuständen eben unsers Deutschlands zu reden. Es ist das Charakteristischedieses unsers Vaterlands, seine Einheit und Gleichartigkeit wesentlich nur ,n Demje-nigen zu haben, was es anstrebt, oder in Demjenigen, was es leidet. Und wie diesin andern Dingen der Fall, so ist es dies auch in Beziehung anf diejenigen Er-scheinungen, welche dem Socialismus und CommunismuS angehören. .
Allerdings bildet Deutschland die dritte große Nation, welche die Bewegungdes Socialismus und Connnunismus in sich aufgenommen und IN ihrer Welse ver-arbeitet hat. Es ist aber, abgesehen von dem Inhalte dieser Bewegung, schon ansich nicht ohne Interesse, die Art und Weise derselben im Großen und Ganzen mitderjenigen Frankreichs und Englands zusammenzuhalten. Manches wird durch dieseZusammenstellung allein sein rechtes Licht bekommen, Anderes wird klar werden,und vor allem wird sie es sein, welche einen Blick auf die nächste Zukunft diesesneuen, noch kaum erst recht gekannten, viel weniger erschöpften Elements der mensch-lichen Zustände zulässig macht. .. ,
Frankreich ist in allen Beziehungen das Land der Concentrirung. Die Machtdes geographischen und geoplastischcn Mittelpunkts seiner Hauptebene ist entschiedendie allem herrschende; sie unterwirft sich unbedingt die Gedanken, die Hoffnungenund selbst die Interessen aller einzelnen Theile. Insoweit das Leben eures Volksvon den Elementen seines physischen Gesammtdaseins abhängt, muß man sagen, daßdie Geschichte von Paris die Geschichte von Frankreich ist- Eine solche Centralisa-tion der Hauptelemeute des staatlichen Lebens auf eine», großen Mittelpunkte kannnun allerdings sehr verschieden beurtheilt werden; immer aber hat sie ihrer hoher»Natur nach die Folge, daß jedes Gemeinsame in Denken und Wollen, in Irrthumund Fortschritt sofort zur That wird; und zwar zur That der Staatsgewalt selbst,vdrr zur That gegen dieselbe. Frankreich ist daher in vieler Beziehung dem alten^rmeindestaate vergleichbar; die einzelnen Bewegungen seines Lebens gewinnen in