520 Der Socialismus in Deutschland.
punkt aller allgemeinen Geltung jedes Neuen ist. Sie ist, wie alles Element deswahren Lebens, nicht etwas Fertiges und Abgeschlossenes, sie ist kein einzelnes, be-stimmter System, keine fertige Theorie, nicht diese und jene Schule, dieser oder jenerLehrer: sie ist vielmehr ein Lebendiges; sie ist der beständige Drang, die Thatsachedes Wissens in einem Ganzen zusammenzufassen, das beständige Suchen, sie aufein großes Gesetz zurückzuführen, die beständige Schöpfung der Welt des geistigenErkennens. Sie beruht auf dem Bewußtsein, daß alles Wissen eine Einheit ist,und daß daher keine einzelne Wissenschaft die absolute Wahrheit in sich hat; sieerzeugt einen ewigen Wechsel der Auffassung und Anschauung dieses Einzelnen imGanzen; sie äußert aber ihre Herrschaft im wirklichen Leben dadurch, daß sie dieErziehung des Geistes im Einzelnen wie im Ganzen übernimmt, und so durch dasZusammenwirken der Gedanken die Wahrheit zur Herrschaft in jedem Einzelnenbringt In diesem Sinne und in keinem andern ist die Erziehung des deutschenVolks eine wissenschaftliche. Wie dieselbe einerseits von dem Charakter dieses Volkserzeugt wird, so erzeugt sie andererseits wieder ihren eigenen Grund; und ohne die-sen innern Gang aller Bewegungen in Deutschland zu kennen, wird man schwerlich tden äußern seiner Geschichte verstehen. >
Wir haben aber bei diesem Punkte uns etwas lange aufgehalten, weil er demFolgenden in genauester Beziehung angehört. Betrachtet man, was seit 15 Zährenauf dem Gebiete der socialen Bewegung in unserm Vaterlande geschehen ist, so kannes kaum zweifelhaft sein, daß wir die erste Epoche der zufälligen und willkürlichenZerfahrenheit aller Auffassung hinter uns haben, und daß wir jetzt erst die zweiteEpoche der eigentlichen Wissenschaft beginnen. Allerdings ist jene erste Zeit der so-cialen Bewegung nicht blos innerhalb der Theorie verlaufen: sie hat vielmehr mäch- >tige und gewaltsame Erschütterungen der allgemeinen Zustände durchleben müssen; !allein sie hat gerade dadurch jenen Charakter der Unfertigkeit und Einheitslosigkeit,der allem wesentlich Individuellen anklebt, nur um so deutlicher gezeigt. Es istkeine Frage, daß sich in unserer Zeit eine ganz neue Gestalt, ein eigenthümlich deut-scher Socialismus, wenn man ihn so nennen will, Bahn bricht.
Die anfängliche Auffassung des französischen Socialismus in Deutschland.
Die ganze specifisch sogenannte sociale Bewegung in Deutschland hat sich be-kanntlich zunächst an die Arbeiten der beiden französischen Führer des Socialismus,Saint-Simon und Former, angeschlossen; und ehe wir daher zu jener übergehen,mag es uns gestattet sein, mit wenig Worten auf die Art und Weise hinzuzeigcwin welcher man jene beiden Erscheinungen schon gleich nach der Julirevvlutivn, biszum Erscheinen des Werks von Stein, betrachtete.
Der Saint-Simonismus war bei dem großen Glänze, den er einen Augenbli^lang, und bei dem vielen Lärm, den er beständig um sich verbreitete, keineswegs vo"den Deutschen unbeachtet geblieben. Es gab im Gegentheil Männer genug, u"dnicht unbedeutende, die ihn theils in seiner Entwickelung aufmerksam verfolgtestheils auch sogar direct sich an ihm betheiliglen. Freilich ward er von den Meiste"?die in jener Zeit seines Glanzes nach Paris kamen, und Zeit und Lust hatten, ih,"näher anzusehen, nur als eine jener Sonderlichkeiten betrachtet, wie sie die franzv'stsche Hauptstadt von Zeit zu Zeit erzeugt. Manche mögen sich noch jetzt unter dt"Mitlebenden wol Dessen erinnern, wie die Verträge in der Rue Savanne gehalst
^ rnan der Rue Montigny patriarchalisch zusammenlebte, wie endliwiy Menilmontant die „Familie" in ihrer theatralischen Tracht und mit ihren Sch^'fersitten arbeitete, betete und sang. Wenigen aber machten diese Dinge einen ble^binden Eindruck; um so weniger, als die Julireoolution noch immer die Gcsaniw'summe aller Lebensfragen in sich zu vereinigen schien. Unter diesen Wenigen nen>uns die Nachricht Reybaud's Einen Deutschen, der mit der ganzen Offenheit u"Wahrheit seines Herzens sich an diese Idee anschloß, und mit. echt deutscher Beharrlichkeit dann auch, freilich unter großen, namentlich pekuniären Opfern, bei ihr