Der Socialismus in Deutschland. 561
dieses Element von großer Bedeutung in der Umgestaltung des Staats und seinesöffentlichen Rechts sei, und daß man künftig in allen großen Verfassungssragen aufdie eine oder auf die andere Weise mit demselben zu rechnen haben werde. Beide^sgebnisse waren an sich schon wichtig genug; allein es war nicht minder klar, daßbeide doch nur Theile eines größern Ganzen, Erscheinungen von mächtigen Gesetzenund Kräften seien, deren Wesen und Umfang man bisher theils gar nicht, theilsuicht klar genug zu betrachten gelernt hatte.
Nun war schon bei dem ersten Auftreten des französischen Socialismus inDeutschland der Satz aufgestellt worden, daß alle jene Erscheinungen in socialer wiesu politischer Beziehung auf einen gemeinsamen Begriff zurückzuführen seien. Dieser..llriff sei der Begriff der-„Gesellschaft". Die Gesellschaft sei ein selbständiges,mächtiges, ja vielleicht das mächtigste Element des menschlichen Gesammtlebens; sieski die Ordnung der Menschen untereinander, welche durch die Vcrtheilung der Gü-ikr unter den Menschen erzeugt, und durch die Familie und daß Recht unter ihnendauernd erhalten werde. Die Definition der Gesellschaft war daher gegeben; alleind>e sofort erfolgende wirkliche sociale Bewegung ließ damals auf diesem Wege nichtweiter kommen. Das praktische Leben mußte erst Alles, was die Theorie gewonnenhatte, verbrauchen in seiner Weise, um dieser Theorie wieder Raum zu weitcrm Fort-Mut zu geben.
Kaum war daher mit dem Jahre 1850 die Ruhe der äußern Verhältnissewiederhergestellt, als auch die Wissenschaft sich jenes Begriffs aufs neue und mitallem Ernste bemächtigte. Wir stehen in diesem Augenblicke noch im ersten Anfangedieser ganzen Richtung. Es ist hier nicht der Ort, wissenschaftlich auf die SacheEingehen. Es bleibt uns daher nur übrig, Dasjenige, was in dieser Beziehungwher geschehen ist, kurz zu bezeichnen. Aber es ist keine Frage, daß dies die BahnI, welche allmälig alle andern Wissenschaften des wirklichen Lebens an sich ziehenN^d unserm Verständniß menschlicher Dinge fast eine neue Welt eröffnen wird.«chon jene ersten Schritte zeigen, welche ungemeine Tragweite dieses neue Elementder Wissenschaft besitzt; und doch sind es eben nur die Anfänge größerer Be-strebungen.
,. Mitte des Jahres 1850 hatte N. Mohl, fast der Einzige der
gelehrten Welt, der gleich anfangs die rein wissenschaftliche Seite des Socialismusfestgehalten, in einem klaren und trefflichen Aufsähe der tübinger „Zeitschrift fürStaatswissenschaft" die „Gesellschaftswissenschaften" neben den Staatswissenschaftenoder als einen Theil derselben hingestellt. In demselben Jahre erschien nun die„Geschichte der socialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf unsere Tage",von L. Stein, der im Vorworte erklärte, daß dieses Buch nicht blos als eine neueAuflage seines „Socialismus und CommunismuS", sondern vielmehr als ein neuesWerk zu betrachten sei. Es lag in der Natur der Sache, daß in dieser Arbeit diegeschichtliche Seite der Gesellschaft auf allen Punkten mit dem rein wissenschaftlichen-^griffe derselben durchwobcn ward; aber diese Natur der Sache war im Grundesür das Werk selbst, das dadurch ein Mittelding zwischen einer Ge-Mchte und einer systematischen Auffassung dcS Gesellschaftsbegriffs werden mußte.
Ende darauf an, dem abstracten Begriffe der Gesellschaft die Po»wirklicher Thatsachen und Ereignisse zu geben, sodaß man, indemb - nc e zugestand, die erstem nicht mehr von sich weisen konnte. Das war
die Aufgabe des Verfasser«. Allein er ging weiter. Getrieben durch die Beobach-te ^ Dmge, welche damals mit ihren letzten Nachklängen noch die Welt erfüll-Und " sich wesentlich dem Verhältnisse zwischen Staat und Gesellschaft zu.
Gesellt « den allgemeinen Satz auf: daß das Verhältniß zwischen Staat undliae« s' Wechselwirkung sich die Entwickelung der Menschheit kein zufäl»
staatlick! iuMiges sei; daß vielmehr „die ganze rechtliche und
>cye sortblldung der menschlichen Gemeinschaft bestimmten, erkennbaren und un»Ecgcnwart. Vil. 36