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Die neue deutsche Lyrik.
der Heine'schen Lyrik auf den Hut steckte, noch wollen wir weitläufig von der schwä-bischen Schule berichten, die Heine das Fontanell von Deutschland nannte. Indessenhat die schwäbische Schule einen Dichter wie Uhland auszuweisen, dessen Hoheit undLieblichkeit, dessen inniger Gefühlsausdruck und begeisterter Gesinnungsadel ihm unterden vaterländischen Dichtern einen hohen Ehrenplatz einräumen. Uhland hat dasMittelalter in reizender Naivetät und seiner wahren und keuschen Gestalt nach her-aufbeschworen, ohne alle romantische Verzerrung und Entstellung, und ohne es alsGegengift gegen den freiern Geist der Neuzeit zu gebrauchen. Die schwäbische Dich-terschule, die allerdings in zu großer Gesühlsweichheit und zu geringer Energie desGedankens ihre Achilleusferse fand, ist in dem letzten Jahrzehnd fast verstummt oderhat nur in schwachen Nachklängen ein Lebenszeichen von sich gegeben.
Gustav Schwab, gestorben 1851 („Gedichte", Stuttg. 1829; 5. Aufl., 1816),ansprechend in Liedern und Romanzen, auch begeistert für den Freiheitskampf fremderNationen, fromm ohne Pastoralen Ton und poetische Homiletik, und Justinus Ker-ner („Gedichte", 1. Aufl., 1847), ebenso mystisch wie naturfrisch und liebenswürdig,eine wunderbare Vereinigung von Gegensätzen, gleich trefflich im Volkslied und inder Romanze, obwol letztere meist bei ihm eine unheimliche Färbung hat, sind nächstUhland die Stammhalter der schwäbischen Dichterschule. Kerner's Gedicht „An denErzherzog Johann von Ostreich" ist tüchtig und frisch in Form und Inhalt, abervon jener schwäbisch-gemüthlichen Vertrauungsfestigkcit, welcher die Enttäuschung aufdem Fuße folgen mußte. Eduard Mörike („Gedichte", Stuttg. 1838; 2. Aufl.,1848) ist von den schwäbischen Dichtern derjenige, welcher die meisten fremdartigenElemente in sich aufgenommen hat, und sowol moderne Skepsis wie die Plastikder antiken Weltanschauung mit der einfachen innigen Gemüthswelt der schwäbischenPoeten zu verschmelzen sucht. Dazwischen tönen auch die Klänge des JustinusKerner'schen Geisterbanners, der neuesten weinsheimer Magie. Dieser Mangel aninnerer Einheit und sichern festen Standpunkten gibt der Poesie von Mörike einendilettantischen Anstrich, über den sich nur die „Idylle vom Bodensee" (Stuttg. 1847)durch feste Zeichnung und humoristisch-frisches Colorit erhebt. Wenn bei Mörikedas Zarte, Weiche, Gemüthstiefe, sowie das Volksthümliche vorherrscht, so ist GustavPfizer („Dichtungen", Stuttg. 1840) ein sich an Schiller anlehnender, für nationaleFreiheit begeisterter, aber mit unserer Zeit und ihrer Ohnmacht rechtender Dichter.Mörike hat viel Grazie und Elegie, Pfizer viel Pathos und Energie in der Form.An diese reiht sich nun der jüngere Nachwuchs, die fahrenden Schüler, Volks- undgeistlichen Dichter Schwabens. Karl Mayer mit seinen „Wanderliedern", AlbertKnapp, ein homiletischer Poet und Sammler andächtiger Lieder, Chr. I. Matzerath,Karl Grüncisen, Emanuel Fröhlich, Wilhelm Zimmermann, Eduard Vogt und vieleAndere, welche nur verschiedene Abarten und Schattirungc» der schwäbischen Floradarstellen und in dem allgemeinen Dichterlenz des letzten Jahrzchnds sehr in denHintergrund getreten sind.
Wurden diese schwäbischen Talente doch auch in ihrem eigenen Genre, inder harmlosen Gefühlslyrik, von andern Dichtern erreicht und übetroffcn, welchein den verschiedenen Gauen des Vaterlandes sangen, „wie der Vogel singt", inalten, theils lieblichen, theils trivialen Weisen. Als Hauptrepräsentant dieser naivenLyrik ist Robert Reinick (gest. 1852) zu nennen, ein harmloses Dichtergemüth, wel-chem der Ausdruck der zarten Sinnigkeit und eines schalkhaften Humors vortrefflichgelingt. Seine poetischen Werke umfassen ein „Liederbuch für deutsche Künstler"(Berl. 1833); „Lieder" (Berl. 1844); „A-B-C-Buch für kleine und große Kinder"(Leipz. 1844). Der Charakter der Reinick'schen Poesie ist unbefangene Kindlichkeit,Hingabe des Gemüths an alle äußern und innern Eindrücke. Reinick's Unschuldist wohlthuend, weil sie keine affectirte, weil über seinen frischen Liederborn keine Re-flexion ihre Schatten geworfen hat. Seine L'eder fodern daher durch ihre Einfach-heit und Innigkeit die musikalische Komposition heraus. Es sind bald reizende Na-tionalgemälde, bald schalkhafte Liebesgedichte, aber Alles gesund, frisch, ohne Senti-