Die neue deutsche Lyrik. 63
Mentalität. In den wenigen Gedichten, in denen Reinick einen Hähern Anlauf zurGedankenpoesie nimmt, kommt dann freilich der unbedeutende geistige Standpunktdes Dichters in störender Weise zum Vorschein. Ebenso wenig gelingt es ihm, dieTrivialität zu vermeiden, in die er besonders in seinen Thier- und Froschpoesten, indenen er Naturlaute nachahmen will, verfällt. Reinick verherrlicht die Scala allerWesen, vom Engel bis zum Thiere; er ist aber nur dann poetisch wahr, wenn erzarte menschliche Gefühle zu lyrischen Feldblumenkränzen windet. Kräftiger in seinemHumor, aber ebenso unbefangen in der Weltanschauung ist August Kopisch, einMaler wie Jener, der aber mehr in das derbe, volksthümliche Element hineingreift.Seine Schriften sind: „Gedichte" (Berl. 1836); „Allerlei Geister" (Berl. 1848).Er zeigt sich in seiner Dichterweise volkstümlich tändelnd und lehnt sich ganz anneckische Sagen, besonders an solche, in denen er das kleinstädtische und altfränkischePhilisterthum geißeln kann. Kopisch ist ein Dichter des Volksschwanks, der Elfenund Kobolde, der Hciuzelmänner und Alräunchen. Dabei hat seine Poesie die Fär-bung schlesischer Provinzialdichtung. Man hört überall die Geisterschar des Rübe-zahl flüstern; man fühlt sich in die Sagenwelt der schlesischen Gebirge versetzt. Ko-pisch ist ein talentvoller Improvisator. Seine Verse tragen daher auch den Charakterder Improvisation: sie sind leicht hingcschüttelt, ohne auf eine höhere künstlerischeForm und Weihe Anspruch machen zu können. Am glänzendsten sind die Gedichte,in denen ein schelmischer Volkshumor herrscht, wie z. B. „Der Schneiderjunge vonKrippstedt" und „Der große Krebs im Mohriner See". Sein Lied: „Als Noahaus dem Kasten trat", hat große Popularität und allgemeine Verbreitung gewonnen,und verdient dieselbe, weil es tüchtig, frisch und gesund aus dem Volke herausgedichtetist und der alten biblischen Mythe eine echt menschliche Auffassung gibt.
Noch fester in dem deutsch-nationalen Element als Kopisch wurzelt Karl JosephSimrvck, dessen poetisches Talent sich am glänzendsten in der Nachbildung und Re-produktion altdeutscher Dichtungen bewährte. Diese Wiedererweckung des echten,keuschen Mittelalters in seinen schönsten Schöpfungen war eine neue und verdienst-liche, und ist durchaus nicht mit jener gewaltsamen Restauration zu verwechseln,welche den Geist einer überwundene» geschichtlichen Epoche der Gegenwart aushöher» Heilsrücksichten einzuimpfen sucht. Simrvck hat alle bedeutenden Epopöendes altdeutschen Geistes, das „Nibelungenlied", die „Gudrun", Eschenbach's „Par-cival", den „Armen Heinrich" und andere in treuer und doch gewandter Bearbeitungder Neuzeit zugänglich gemacht. Sein „Wieland der Schmidts ist mehr als eineselbständige Schöpfung zu betrachten, obgleich der Stoff sich an ein Lied der „Edda ,wie an eine prosaische Erzählung der Wilkinasage anlehnt. Doch der Dichter hatbeides künstlerisch verschmolzen und, indem er die Nibelungenstrophe zur Trägerinder poetisch wiedergeborenen Sage machte, zugleich eine Meisterschaft in. der Beherr-schung der altdeutschen Versform bekundet, welche bei dem Übersetzer der deutschenHeldengedichte nicht befremden durfte. Doch das Naturwüchsige, Harte und Derbeder alten Sage konnte, trotz aller Plastik und eines oft glücklichen Humors, keinenrechten Eingang bei einem Publicum finden, das sich für das reckenhafte Elementdes Mittelalters gewöhnlich nur begeistert, wenn es ihm verfälscht und raffinirt vonden modernen Chevaliers der Romantik geboten wird. Die Verdienste Simrock's umWiederbelebung der rheinischen Sagenwelt sind bekannt. Als selbständiger Dichtertrat Simrvck zuerst mit politischen Liedern: „Drei Tage und drei Farben" (Lechz.1830), auf, in denen er die Julirevolution verherrlichte. Später, in seinen „Ge-dichten" (Leipz. 1844), hat er dieses Gebiet nicht wieder betreten, sondern sich dereinfach-heitern Lyrik zugewendet. Doch läßt er überall das sangbare Nondeau ver-missen, indem seine, an den alten, großen Mustern geschulte Muse sich zu epischerBreite hinneigt. Neuerdings gab Simrvck gesammelte „Deutsche Volkslieder" (Franks.1851) heraus. Originaler als Simrvck suchte ein junger deutscher Dichter, OttoRoquctte, in „Waldmeisters Brautsahrt, ein Rhein-, Wein- und Wandermarchen(I.Aufl., Stuttg. 1851; si.Ausl., 1852) die Märchenwelt des Rheins poetisch zu vec-