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Die neue deutsche Lyrik.
herrlichen. Zu diesem Märchen herrscht ein flotter Burschenton, echter Jugendmuthund Lebenslust, und eine naive Weltanschauung. Sein Thema ist in Wahrheit dieHeiterkeit eines frischen Lebensgenusses, wie sie die lachende Natur der Nheingegen-den, der Zauber ihrer Schönheit und der süße Rausch ihrer Weine in den Gemü-thern wach ruft. Das Märchen ist wie aus der Phantasie eines Berauschten ent-sprungen, hin- und herfahrend in kecken Sprüngen, lustigen Bildern, ohne alleKlarheit und Besonnenheit der Anordnung. Der Mangel an Plastik wie die oftleichtfertige Form der Verse und der Diction bekunden noch die Jugendlichkeit desDichters, dem seine burschikose Studentcnwanderung so leicht wird, weil sie noch vonkeiner lästigen-Gedankenbürde beschwert ist. Idealen Gehalt darf man zwar in einemMärchen nicht suchen, dessen Wesen in phantastischer Freiheit besteht; aber man wirdimmer besorgt um ein Talent sein müssen, das nur mit dem vergänglichen Reiz derJugendfrische debutirt. Für das Beste in „Waldmeisters Brautfahrt" halten wirnicht die Wald- und Liebeslyrik, deren duftige Sträuße man jetzt in allen Gassenfindet, sondern einzelne humoristische Arabeske», vor allem aber die eingestreuten Lie-der, die von großer Lieblichkeit der Form sind und frische, unmittelbare Empfin-dung athmen.
Wie Simrock ein talentvoller Übersetzer altdeutscher Dichtwerke, so ist Adolf Nöti-ger einer der glücklichsten Bearbeiter neuer, besonders englischer Dichtungen, und hataußerdem, wie Otto Roquette, auf dem Gebiete des Märchens originale Dichterkraftbewährt. Seine Übersetzung Lord Byron's gehört zu den trefflichsten Arbeiten aufdiesem Gebiete und zeichnet sich besonders durch die Leichtigkeit und Grazie aus, mitder alle technischen Hindernisse, die in der Verschiedenheit des Sprachgenius liegen,überwunden sind. Böttger's „Frühlingsmärchen" (Lcipz. 1849; 3. Aufl., 1850)ist ein tendenziöses, romctntisches Naturgedicht, das nur den Stempel allzu großerFlüchtigkeit trägt, welche überhaupt sein anmuthiges Talent wesentlich beeinträchtigt.Man muß dem Dichter mehr Vertiefung und Heiligung und weniger Hingabe anäußerliche Anfoderungen wünschen. Seine bestellten Poesien, besonders zu den Illu-strationen buchhändlerischer Prachtwerke, sind sehr zahlreich, enthalten aber natürlichviel Mattes und Forcirtes. Auch seine „Gedichte" (1. Aufl., Leipz. 1846; 7.Aufl., 1851) sind von diesen Fehlern nicht ganz freizusprechen, wenngleich ihregroße Formvollendung einen wohlthuenden Eindruck macht. An Simrock schließtsich als Wiedererwecker der rheinischen Sagenwelt Wolfgang Müller („Lorelei, rhei-nische Sagen", Köln 1851), ein anspruchsloser Poet von heiterer, klarer Form undwürdiger Gesinnung, der sich aber nirgends über das Niveau eines gebildeten Dilet-tantismus erhebt. Seine „Lorelei" ist gleichsam ein dichterisches Rheinpanorama,ein lyrischer Wegweiser, eine Sammlung von Balladen, welche seine Muse, vonBurg zu Burg fliegend, den Rhein entlang aufliest. Dieser bunte romantischeStrauß wird dem rheinliebenden Publicum von dem Dichter mit vielem Anstandüberreicht. DaS erste Debüt des Dichters, die „Jungen Lieder" (Düsseld. 1841)waren eine etwas monotone Liebcspoesie, während seine „Balladen und Romanzen"(Düsseld. 1842) sich durch epische Prägnanz auszeichnen. Weniger glücklich warMüller bei einem Abstecher in die Zeitlyrik. Seine „Oden der Gegenwart" (Düsseld.1848) haben keinen Odenschwung, sondern sind auf den Kothurn hinaufgepeitscht.Die „Gedichte" (Franks. 1847) enthalten ebenfalls viel Dilettantisches und Mittel-mäßiges.
In dem Gebiete der poetischen Erzählung verdient Theodor Fontäne rüh-mende Erwähnung, dessen Gedicht „Von der schönen Nosamunde" (Dessau 1850)in ebenso anmuthiger wie gewandter Form leichte Versguirlandcn um die tragischeGeschichte schlingt. Das ist ein lustiges poetisches Schlittschuhlaufen auf glatterEisfläche, nichts Holpriges, freilich auch keine Überfracht an Gedanken. Frei vonallem gezwungenen Pathos und pomphafter Rethorik bewegt sich das Gedicht inharmlos-ansprechender Weise und gefälligen, sich der Handlung anschmiegenden Rhyth-men. Das eigentlich dramatische Jneresse, das der Stoff darbietet, ist allerdings