65
Die neue deutsche Lyrik.
nur wenig ausgebeutet, da es nicht in Fontane's Manier liegt, in die Tiefe derLeidenschaften und ihre geheim arbeitende Werkstatt hinabzusteigen. Seine „Männerund Helden, acht Preußenlieder" (Berl. 1850) sind ein poetischer Bildersaal preu-ßischer Marschälle, Lieder mit martialischer Bravour und derb - volksthümlicher Fär-bung, deren Werth nur dadurch beeinträchtigt wird, daß ihre Helden nicht im Her-zen des Volks leben. Mit ähnlicher patriotischer Färbung tritt, von Lepell aus, derin der Form zwischen den feindlichen Polen, Heine und Platen, schwankt. Nochweiter zurück als Fontäne, aus dem Mirtelalter, holt den Stoff der poetischen. Er-zählung Otto Gruppe. Seine „Königin Bertha" (Berl. 1848) geht bis auf die Über-lieferungen des karolingischen Sagenkreises zurück, die mit vieler Geschicklichkeit an-einandergereiht und nicht ohne Anmuth, Naivetät und dramatisches Leben dargestelltsind. Seine „Theudelinde, Königin der Lombarden" (Berl. 1849) leidet nicht nuran der Interesselosigkeit des Stoffs, sondern auch an der Monotonie vierfüßigerTrochäen. In seinen „Gedichten" (Berl. 1850) zeigt Gruppe ein nicht zu ver-kennendes episches Talent, das sich gern in malerischen Schilderungen ergeht undbei der Wahl seiner Erzählungen den romantischen Duft der Ferne liebt. Doch istdie Form nicht durchweg klar gehalten, und das Justemilieu, das Gruppe's kritischeLeistungen charakterisirt, läßt auch in seinen Dichtungen keinen rechten Gedanken-schwung zu.
Die mittelalterliche Poesie, der es um die Verklärung der Vergangenheit zuthun war, ging auch mit der Wiedererweckung der alten Sagenwelt bis ins Detail,und wurde, so gut wie die Zeirlyrik, zu einer Poesie der Masse, welche an jedesalte Raubnest ihre dichterischen Bilderbogen klebte. Die thüringische Sagenpoesiewurde namentlich von Bechstein ausgebeutet. Manches schon Abgenutzte brachteAdolf Bube in seinen „Deutschen Sagen" (Jena 1839) und „Neuen Gedichten"(Jena 1840), während derselbe in den „Naturbildern" (Gotha 1848) sich durch glück-liche Malerei, corrccte Diction und schwunghafte Rhythmik auszeichnete. „Das Nahe-thal in Liedern" gab Gustav Pfarrius heraus (Köln 1838; 2. Aufl., Bonn 1845);L. Wiese einen ganzen „Sagen- und Märchenwald" (2 Thle., Barm. 1842); Dräxler-Manfred sammelte Sagen unter dem Titel „Sonnenberg" (Siegen 1845). Aufdem Gebiete der Ballade debutirte ein junger Poet, Rudolf Hirsch („Balladen",
1841), her hierin, wie in seinem „Buche der Sonette" (Leipz. 1841), einenglücklichen Anlauf nahm, sich durch gefällige Form und sangbares, troubadourartigesElement hervorthat, gleichzeitig aber schon jene gemachten und prätentiösen Klängehören ließ, an denen sein Talent später scheitern mußte. Wie die poetische Sageund Erzählung eine locale Färbung annahm und die Provinzialgeschichte ausbeutete,mit der Prätension einer Volksthümlichkeit, die sie dadurch am wenigsten erreichenkonnte: so wurde auch die sangbare Lyrik zum Theil eine provinzielle und kokette,indem sie das hochdeutsche Sprachidiom verließ und bis zu den Unterschieden dereinzelnen Volksdialekte Herabstieg, sodaß gerade dem Volke sein nationales Recht,die Sprache der allgemeinen Bildung, vorenthalten ward. Die „AlemanischenGedichte" des gemüthvollen Hebel (Karlsr. 1803; 8. Aufl., Aarau 1842), diemehr noch durch den Reiz des Inhalts als durch die localisirende Eigenthümlichkeitder Form gewirkt, verlockten zu Nachahmungen. Kopisch und Holtei dichteten, mehrzum Spiel, in schlesischer Mundart. Anton Freiherr von Klesheim suchte den wie-ner Dialekt in seinem „s Schwarzblattl aus' a Wienerwald" (2. Aufl-, Wien 1846)zu einer poetischen Bedeutung zu erheben. Gabriel Seidl veröffentlichte „Gedichtein nieder-östreichischer Mundart" (Wien 1849). Franz von Kobell gab „Gedichtein pfälzischer Mundart" heraus (3. Aufl., Münch. 1849), kurz — die Provinz,die Stadt war rebellisch geworden gegen den allgemeinen Sprachgenius, obgleich dieseRebellion, sobald sie eine andere Fahne aufsteckte als die des localen Humors, mitihren verrosteten Waffen unterliegen mußte. ...
Die naive Lyrik selbst, deren wuchernder Blütenflor viel Unkraut verbarg, >a?
Die Gegenwart. VM. , 5