68 Die neue deutsche Lyrik.
stimmen" (Wien 1849) mehr Kraft, einen weiter« Gesichtskreis und, bei allerMäßigung, doch Sinn für nationale Erhebung zeigte. Deinhardstein („Gedichte",Berl. 1844) zeigte sich, bei ansprechenden Einzelheiten, zu nüchtern und trocken, undermangelte zu sehr des poetischen Dufts, um Anklang zu finden.
Die Lyrik, die nie um Stoff verlegen ist, mag sie ihn aus aller Welt zusam-menbetteln, die wie ein Leicrkastenmann in den Straßen herumzieht und jedem seinLied singt, dem Soldaten wie dem Bergmann, und mit »«ermüdeter Produktivitätstets neue Liederfrühlinge hervorbringt, findet ihren Hauptrepräsentanten in JohannNepomuk Vogl, dem vorzugsweise wiener Dichter, dessen Gesichtskreis nicht überden Prater und Augarten hinausreicht, der aber innerhalb der engen Schranken mitseinem Talent manches harmlos Liebliche geschaffen. Seine Muse steht immer sol-vent am Aahltisch und beschickt jede leipziger Messe. Da gibt es Balladen, Legen-den, Romanzen („Der fahrende Sänger", Wien 1839; „Klänge und Bilder ausUngarn", Wien 1839, 2. Anst., 1844-, „Balladen", Wien 1837, 2. Anst., 1841;„Karthäusernelken", Wien 1845; „Neue Balladen", Wien 1846), bald im altfränki-schen Ton und Holzschnittstil, bald mit moderner Färbung. Die ganze Specialgeschichtewird abgestaubt und aus den verlorensten Flüssen der Sand gewaschen, um einigeGoldkörner zu finden. Dann wird ein bald tändelnder, bald sentimentaler Ton an-geschlagen in dem „Neuen Liederfrühling" (Wien 1841), oder nach Arndt undSchenkendorf patriotisch losgewettert in den „Deutschen Liedern" (Jena 1845),obgleich der Feind und die Befreiungskriege fehlen. Dann gibt es wieder „Solda-tenlieder" (Wien 1849) und bergmännische Dichtungen („Aus der Teufe", Wien1849) — kurz dieser Poesie geht niemals der Athem aus, eher noch die Gedanken.Weniger verschwenderisch mit seinen lyrischen Gaben geht Johann Gabriel Seid! um,dessen „Liedertafel" (Wien 1840) und „Bifolien" (Wien 1836; 3. Aufl., 1843)sich bei aller Sentimentalität nie ins Krankhafte verlieren, und dabei ein frischespatriotisches Gefühl athmen. Auch vermißt man bei ihm nicht den durchgehendenGcdankennerven. Tschabuschnigg („Gedichte", 2. Anst., Wien 1841) ist ebenfallsein sentimentaler Neflexionspoet, der sich in einer edlen Resignation behagt. Frei-lich findet man bei ihm viel Poesie der Bagatelle, die indessen ohne höhere Ansprücheauftritt. Anders verhält es sich bei dem Ritter von Levitschnigg („Gedichte", Wien1842), der mit der Prätension der Genialität und mit vieler Ostentativ» seine Leierschlagt. Da klingt denn manches pikant, kühn, bedeutend, die Bilder scheinen neu,original; doch sieht man näher nach, so sind es dürftige Gedanken,, die sich unterden blendenden Worten verdecken. Es fehlt die poetische Selbständigkeit. Dasselbegilt von den „Westöstlichen Gedichten" (Wien 1846) und von dem „Märchen" (Pesth1847), dessen antisocialistische Tendenz in einer oft incorrecten Form vorgetragen wird.Wie Levitschnigg die Originalitätssucht, so vertritt L. Foglär das Nebelhafte, Däm-mernde, Elegische der in sich verschlossenen Gefühlswelt in seinen „Cypressen" (Wien1841) und in den „Strahlen und Schatten" (Leipz. 1846). Innige Weichheit undglänzende Bilderpracht charakkerisiren diese Dichtungen, während „Ein Stück Leben"(Pesth 1847) sich durch Wahrheit der Empfindung und Anschauung und tüchtigeGesinnung auszeichnet. Diese Dämmerung des Gefühlslebens wird aus dem Bodendes Gedankens zur Unbefriedigung, zur Maßlosigkeit — ein Schritt, den in der öst-reichischen Lyrik Johannes Nordmann thut- Seine „Gedichte" (Leipz. 1847) sindvoll leidenschaftlicher Wildheit, aber oft inhaltleer, und bekunden ein nicht ausgegoh-renes Talent. In seinen „Zwei Frauen" (Wien 1850) herrscht eine glühende,wollüstige Phantasie, ein überschwänglicher Cultus des Fleisches. Es ist, als ob sichdiese Lyrik aus Verzweiflung, irgend ein Humanitätsideal verwirklichen zu können,in bacchantische Sinnlichkeit stürzte. Ganz der romantischen Weltanschauung gehörtFriedrich Bach an, der in seinen „Gedichten" (Leipz. 1847) die Verachtung derWeltbewegung, die kalte Ironie, die Spielerei, Nichtigkeit, Träumerei und Form-losigkeit der Romantiker zur Schau trägt. Nicht ohne Kraft und Mark, wenngleichsorcirt, ist Constant, der Dichter der „Versunkenen Königsburg" und der „Paralle-