China und die Länder seines Cultursystems. 99
gestoßen. Die schlauen, lügnerischen Chinesen haben den Mann aus Pommern inmanmchfacher Weise betrogen. Sie spiegelten ihm große Reisen vor und wunder-barliche Bekehrungen in fernen Marken des Reichs, während sie sich zu Kantonvon den deutichcn Missionsgeldern gute Tage machten. Civilisirte, in althergebrach-ten staatlichen, religiösen und bürgerlichen Formen großgewachsene Völker können un-ter gewöhnlichen Verhältnissen wol schwerlich zu einer andern Religion bekehrt wer-ds"' . China ist sogar hierzu noch weniger Aussicht wie in Indien. Das VolkK Fremden und allem Fremden im Herzen abgeneigt. Mehre
clchichten der Heiligen Schrift, manche christlichen Einrichtungen und Lehren sindchm, m Folge seiner eigenthümlichen Sitten und besondern Anschauungsweise, gewisser-maßen anstößig. Aus diesem Gesichtspunkte wurde das Christenthum schon mehr-mals von den chinesischen Beamten und Gelehrten zu den Zeiten der blühenden Je-suttenmisiionen aufgefaßt und dargestellt, und so auch in unsern Tagen in dem Er-lasse des Landrichters Wan, den wir der Merkwürdigkeit wegen hier mittheilen.Derselbe ist mit einer Art Voltaire'schem Höhne geschrieben.*)
„Wan, Landrichter im Bezirke Kiajing des Kreises Kuangtong, der von einertclle gleichen Ranges auf seinen jetzigen Posten versetzt, zehn mal avancirt undzehn mal belobt wurde, erläßt nachfolgende erstliche Bekanntmachung, damit die Her-zen der Menschen vereinigt und die alte Ordnung erhalten würde."
„Ferne im Westen herrscht, wie allgemein bekannt, die Religion des Himmels-herrn, von Jesus begründet. Solange die Barbaren ihre Lehre unter sich selbst ver-breiten und ausüben, solange sie ihre Bücher unter sich auslegen und nach ihrerWeise Gottesdienst halten, kümmern wir uns nicht darum. Nun ist es aber zumeiner Kenntniß gekommen, daß das einfältige, unwissende Bauernvolk im DorfeTschukang Barbaren eingeladen und einige Menschen verführt hat sich mit ihnen zuverbinden, namentlich Weibspersonen — ein großes Vergehen gegen unsere Gesetze.Meine Pflicht ist es, die Schuldigen einsangen, sie nach dem altherkömmlichen Ge-setze bestrafen, und überdies eine ernstliche Abmahnung ergehen zu lassen. Demge-mäß erlasse ich diese Proclamation, zur Belehrung der Soldaten, des gemeinenVolks und aller Einwohner."
„Ihr müßt wissen, daß Jesus, geboren zu den Zeiten des Ngaiti der Handy-nastie, ein Mensch war wie Hoatu, Tschuju und Andere dieses Schlages, welchevorgeben, Krankheiten heilen und allerlei Wunderdinge verrichten zu können. Wenner mit sechs Kuchen 3000 Personen fütterte, so gleicht dirs vollkommen den Zauber-künsten der Jünger des Laotse, welche Gegenstände von einem Orte zum andexnversetzen. In allen andern Dingen war er ein Mann ohne besondere Fähigkeiten.
) Der Verfasser dieses Artikels muß allerdings über die Misfionsangelegenheiten in Chinagut unterrichtet sein, und seine. Mittheilungen sind darum nicht ohne Gewicht. Indessen kannund darf auch eine solche Lage der Dinge die Bestrebungen nicht hindern, die darauf gerichtetfind, die versunkene Welt des Ostens durch das christliche Evangelium zu regeneriren. Viel-leicht waren die Männer, die bisher auf diesem Schauplatze auftraten, ebenso wenig die rech-wie Diejenigen, welche sie aussandten. Die.Geschichte der Jesuitenmissionen in Chinamochw eine solche Behauptung namentlich rechtfertigen. Selbst Gützlaff, dessen mündlicheBerichte wir bei seiner Reise durch Deutschland im Jahre 185V anhörten, und dessen Eifer,«Freudigkeit und Kenntnisse Jedermann anerkennen wird, schien uns keineswegs mit jenen hohenund gewaltigen Gaben ausgerüstet, die sein Beruf verlangte, und welche die großen Apostelfrüherer Jahrhunderte ohne Zweifel besaßen. Vielleicht, daß auch soriale und politische Krisen,denen die Völker Chinas durch ihre Berührung mit der Civilisation des Westens entgegenge-hen, vorbereitend wirken müssen, ehe ihre geistige Wiedergeburt im Großen erfolgen kann.Crst als Rom zusammensank, erstieg aus seinen Trümmern die Kirche Christi. Überdies be-m ^ Proclamation des Landrichters Wan, wie bereits jetzt daß officielle Chinesenthum denc - der christlichen Glaubensprediger fürchtet. Schon aus diesem Grunde mag die äu-feindselige, gewandte und doch zugleich so rohe Kritik des Christenthums hier ihre Stelle^ d" römischen Beamten suchten durch ähnliche Erlasse die Verbreitung der christ-lichen Lehre zu hindern. D. Red.
7 *