Die Alpen. 13A
bestimmen. Schon der Italiener Fabio Colonna machte im ersten Viertel des 17.Jahrhunderts auf diese so merkwürdigen Fossilenreste aufmerksam, besonders war esjedoch der Engländer Martin Lister, welcher die Conchilicnkunde begründete und zu-gleich zum ersten mal (1684) vorschlug, auf eigenen Karten die Verbreitung der ver-schiedenen Steinarten Großbritanniens darzustellen. Aber merkwürdigerweise bliebselbst Lister noch der Ansicht, daß die versteinert gefundenen Geschöpfe niemals gelebthätten: er sah sie als Mineralien an, die durch irgend eine zufällige Ursache jeneForm angenommen. Auch die Mehrzahl der damaligen Gelehrten betrachtete jeneVersteinerungen als Spiele der Natur, bis endlich Robert Hooke nachwies, daß dieThiere früher wirklich gelebt haben müßten und ausgestorbenen Geschlechtern ange-hörten. In neuerer Zeit wurden die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Doctrinhauptsächlich durch die Arbeiten des großen Cuvier gelegt, ferner durch jene vonBrongniart, Sowerby, L. von Buch, Bronn, Goldfuß, D'Orbigny u. s. w. Mandarf indessen bei Anwendung der Paläontologie für geologische Zwecke nur mit Vorsichtverfahren, und muß z. B. auch Rücksicht nehmen auf die Unterschiede, welche aus dergeographischen Verbreitung der Thiere hervorgehen. In der jetzigen Periode enthaltendie verschiedenen geographischen großen Meeresbecken Arten, die theilweise von denender andern Becken differiren; ich meine hier nicht etwa die durch die klimatischen Un-terschiede bedingten Differenzen, sondern solche, die denen ähnlich sind, welche man jaauch zuweilen in der geographischen Verbreitung der Gewächse findet. Es könnenz. B. einige Pflanzen unter nahezu gleichen klimatischen Verhältnissen in dem einenLänderstriche ziemlich häufig sein, während sie in einem andern, der durch Gebirgs-züge oder große Flußsysteme von dem erstem getrennt ist, weit seltener oder garnicht mehr vorkommen, indem sie, wie es scheint, in ihrer Wanderung und Verbrei-tung durch die Gebirge, Flüsse oder Meere gehemmt wurden. Ähnliche Unterschiedehatten theilweise in den frühern geologischen Epochen in den verschiedenen Meerenstatt, und man muß daher die Gesammtzahl der Thiere in verschiedenen Ablagerun-gen vergleiche», um aus der Übereinstimmung der Mehrzahl der Arten ihr relativesAlter bestimmen zu können. Überdies haben in neuerer Zeit sehr interessante Unter-suchungen, welche man hauptsächlich dem vortrefflichen Geologen und ZoologenEdward Forbes in London verdankt, gezeigt, daß die Ärten der Weichthiere je nachder Tiefe der Meere differiren, und daß man daher auf dem Boden eines Meeresverschiedene Zonen unterscheiden kann, je nach ihrer Entfernung von der Oberfläche,von denen fast jede von eigenthümlichen Thieren bevölkert wird. Ähnliche Verhält-nisse mußten auch in den alten Meeren stattfinden. Ablagerungen, welche unmittel-bar an dem Ufer eines Meeresbeckens erfolgten, werden daher bis auf einen gewissenGrad andere Thiere einschließen, als diejenigen, die in der Tiefe des Meeres vielehundert Fuß von der Oberfläche abgesetzt wurden.
Betrachtet man die Fauna jeder der großen geologischen Hauptabschnitte, solassen sich gewisse allgemeine Gesetze in dem Auftreten der verschiedenen Schöpfungenauf der Erdoberfläche erkennen. In der ältesten Periode zeigen die Pflanzen- undThierüberreste, daß damals die Erdoberfläche großenteils Meeresgrund war; jedocherhoben sich schon einzelne kleine Inseln, welche mit Pflanzen höchst eigenthümlicherArt bedeckt wurden. Es sind dies großentheils Farrenkräuter, welche dicke, 50—60Fuß hohe Stämme hatten, die mit dem zierlichsten Laubwerk bekleidet waren. Dasthierische Leben war damals fast nur auf das Wasser beschränkt, und man findetunter denselben einige höchst sonderbare Gestalten (Trilobiten), mit welchen man nichtsm der gegenwärtigen Schöpfung vergleichen kann.
Als die Erde genugsam erkaltet war, um das Leben auf derselben möglich zuwachen, war ihre Oberfläche weit weniger von Unebenheiten unterbrochen, als es ge-genwärtig der Fall ist. Die zahlreichen Erhebungssysteme, welche nach und nach dieForm der Continente verändert haben, und wahrfcheinlich zu gleicher Zeit die Ab-grenzungen der verschiedenen geologischen Epochen bildeten, hatten noch nicht ange-fangen, die Gesteinschichten -u mächtigen Gebirgszügen aufzurichten. Sehr ausge-