Band 
Achter Band.
Seite
146
JPEG-Download
 

146 Die Alpen.

Sckichten von sehr verschiedener physikalischer und chemischer Beschaffenheit miteinan-der wechseln. Es können dann z. B. die tiefern, mergeligen und thonigcn Lagenvon dem Quell- und Ncgcnwasscr ausgelaugt und theilweise hinweggeführt werden,wodurch den obern Schichten die Basis entzogen wird, sodaß dieselben sich nicht mehrzu erhalten vermögen und, dem Zuge ihrer Schwere folgend, nach abwärts stürzen.Sehr bekannt sind in dieser Beziehung die berühmten Felsstürze des Nusi- oder Roß-bergs, 4850 Fuß über dem Meere, dem Nigi gegenüber, geworden. Die Schichtendieses Bergs bestehen aus Nagelflue, theilweise mit kalkig-sandigen Lagen untermischt,welche durch eindringendes Wasser nach und nach zerstört werden und die obern >Schichten zum Herabstürzen bringen. Die Dörfer Goldau, Lowerz und andere, welcheam Fuße des Bergs liegen, wurden wiederholt von diesen Felsstürzen beschädigt undeinmal, im Jahre 1806, sogar fast gänzlich verschüttet. „Zahlreiche Hütten fried-licher Hirten", berichtet der Züricher Heinrich Hirzel, welcher sich um die Kenntnißder Schweiz so vielfach verdient gemacht, „waren durch die schnell vorgeschobene Kics-maffe erdrückt oder von ungeheuern, gleich einem leichten Federballe fortgejagtenFelsenstücken mit einer alle Vorstellungen weit übersteigenden Gewalt zerquetscht undzerschmettert worden. Große Tannenwälder hatten sich zugleich mit dem Erdreiche,in welchem sie tief eingewurzelt bereits Jahrhunderten getrotzt hatten, von dem Ab-hänge des sinkenden Bergs losgerissen und waren, ohne daß irgend eine Spur da-von übrigblieb, in die Tiefe des Thals gesunken. Noch andere mächtige Massenvon Erde, Stein und Geschieben waren quer über das Thal hin an den Abhangdes gegenüberstehenden Nigi hinaufgewälzt, zum Theil auch über die wenigen ste-hen gebliebenen Häuser und Bäume weit hinausgcschleudert worden. In Goldauselbst hatten mehre Einwohner des Dorfs das Unglück drohende Gestein von demGipfel des durch anhaltende Regengüsse erweichten Noßbergs sich loslösen und ausder Ferne heranwälzen sehen, als plötzlich aus der Kapelle die Sturmglocke ertönte.Auf ihren Unglück weissagenden Ton hin hatte sich Alles, was von Menschen jedesAlters und Geschlechts zugegen war, in und um das in dieser Schreckensstunde kei-nen Schutz gewährende Heiligthum der Kirche mit Zittern und Zagen in größterEile zum Gebete versammelt. Ein Augenblick, so stürzte unter dem über die Beten-den sich hinwälzenden Schütte das Gebäude zusammen, und ein ungeheures Grabverschlang sie Alle, Männer und Weiber, Greise und Kinder. Indessen aber dereine Arm des Erdstroms Goldau und seine Umgebung vertilgte, hatte der andere sichnach der Seite von Lowerz fortgewälzt und bis an das Dorf und den See hinaufAlles, was nur aus dem Wege sich vorfand, theils mit sich fortgerissen, theils mitErde und Schlamm dicht überwarfen. Das helle Blau des Lowerzer Sees sah manin eine widrige, schmuzig-gelbe Farbe umgewandelt, und seine sonst so sanften Wellenhatten als tobende Meereswogen mit fürchterlicher Gewalt über den Felsen vonSchwanau und die Besitzungen des glücklicherweise eben abwesenden Eremiten zu-sammengeschlagen." *)

Man sieht hieraus, daß die Erde in der gegenwärtigen Periode durchaus nichtganz stabil und unthätig ist, sondern daß im Gegentheil stets Veränderungen ihrerOberstäche und neue Bildungen stattfinden. Die Gipfel und Kämme des Eebirgswerden vom Regen und Schnee benagt und zertrümmert. In die Felsen werden vonden Flüssen tiefe Rinnen cingeschnitten; die Thalsohlen füllen sich mit Geschieben; die igroßen Seen werden stets mehr und mehr ausgefüllt, und auf ihrem Boden erfol- ^gen, ebenso wie auf jenem der Meere, stets neue Ablagerungen von Sand-, Schlamm"und Geröllschichten. Es ist also hier, wie in der ganzen Natur, ein steter Wechselund Umsatz der Materie zu bemerken, und die gegenwärtige historische Zeit ist ebensogut wie die frühere eine Periode fortgesetzter geologischer Thätigkeit, in welcher all"mälig neue Bildungen auf der Oberfläche der Erde abgesetzt werden.

Vgl. auch die ausführlichen Berichte hierüber von Lh. von Sauffure in der „Libli^tköguo diiisnniqus", und Rcckcr. ..Ltucies LeoloKiquos cisns !os (I. Bd., Genf 18^1)-