488 Das Königreich Dänemark.
Volksschulen 2800. Auf jede Schule kommen also 50 — 100 Kinder (nur aus-nahmsweise weniger oder mehr), in zwei Classen getheilt, wovon jede Classe dieSchule drei Tage wöchentlich besucht. Diese Anzahl ist aber zu groß; die Arbeitdes Lehrers ist zu ermüdend und steht zu seinem kleinen Gehalte in keinem gerechtenVerhältnisse. Die Schullehrer stehen, ihrer Bildung und Function nach, über denBauern; ihre Bedürfnisse sind deshalb größer, und doch sind, trotz ihrer ungeheurenArbeit, ihre Einnahmen selten so groß wie die eines einigermaßen gutgestelltenBauern. Die Prediger dagegen sind bei viel weniger Arbeit durchgängig sehr gut,häufig übermäßig hoch besoldet. Mehre Vorschläge wurden zur Reform des Schul-wesens gemacht. Die vernünftigsten derselben, denen auch wahrscheinlich Folge ge-geben wird, verlangen eine höhere Besoldung der Lehrer und eine Vermehrung ihrerAnzahl. Vielleicht wäre Vieles schon erlangt worden, wenn der Lehrerstaud frühermehr Einigkeit und Festigkeit gezeigt hätte; allein, erst in den letzten Jahren, wo erangefangen hat, vereinsweise für Reformen zu wirken, werden diese Eigenschaften inihm wach. Nächst der Verbesserung seiner materielle» Lage scheint die Emancipationder Schule von der Kirche das Hauptziel seiner Bestrebungen zu sein, und in derThat ist diese Frage von der größten Wichtigkeit für die Volksbildung. Wie inDeutschland, so ist auch in Dänemark diese Angelegenheit öffentlich mehrfach discu-tirt worden; namentlich war es eine dänische Übersetzung von Pölitz' „Staatswissen-schaftlichen Vorlesungen", welche vor einigen Jahren gründliche Erörterungen derselbenveranlaßte. Jener Verfasser schrieb für konstitutionelle Staaten, und der Augenblickist jetzt gekommen, wo seine einsichtvollen Betrachtungen auf Dänemark anwendbar sind.
Während aber das Volksschulwesen und der Lehrerstaud im raschen Aufschwüngebegriffen waren, herrschte Stillstand und Jndiffcrentismus i» den kirchlichen Zu-ständen. Warum! — diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Es herrschtdie Ansicht bei vielen tiefer sehenden Männern, daß das alte protestantische Kirchen»thum der Masse kein lebendiges religiöses Interesse einzuflößen im Stande sei. *)Bis auf eine hier und dort zeitweilig auftauchende pietistischc Emotion und einigeziemlich erfolglose Baptistenmissionen haben sich in Dänemark seit vielen JahrenBewegungen auf dem Gebiete des Glaubens nicht bemerkbar gemacht. Nur imJahre 1852 erhob sich eine lebhafte Opposition gegen die mormonischen Prosclytcn-macher, weil ihre Lehre von der Vielweiberei die ehrbaren und vernünftigen Leutein Harnisch brachte. DaS einzige auffallende und wichtige Moment in den kirchli-chen Zuständen Dänemarks wäre etwa das sinkende Ansehen der Geistlichkeit, undzwar theil« weil es die Richtung der jüngsten Zeit charakterisirt, theils weil diesleicht dahin führen kann, daß gerade hieraus später eine durchgreifende kirchlicheReform und vielleicht ein erhöhtes kirchliches Leben im Volke entspringen dürfte.
Das höhere Ünterrichtswesen in Dänemark zeigt sich mit einer nicht leicht zucharakterisirenden Einseitigkeit behaftet. Die Universität zu„Kopcnhagen ist die einzigedes Königreichs; schon hieraus läßt sich zum Theil jenes Übel erklären. Den» wenner der Universität auch nicht an ausgezeichneten Gelehrten fehlt, die mit den be-rühmtesten de« Autlande« wetteifern — wir nennen z. B. den Philologen Madvig,die Theologen Martensen und Clausen, den Mineralogen Forchhammer, und die ge-summte medicinische Facultät, die wol nicht leicht von einer andern in Europa übcr-troffen wird — so erscheinen doch die philosophischen Wissenschaften als sehr schwachrepräsentirt, und die in denselben einmal prädominirende Richtung schließt jede andereso gut wie aus. Dennoch dürfte der Hauptgrund jener Einseitigkeit ebenso sehr inder Nation und ihren Zuständen selbst liegen. Das freie Studium ist gänzlich un-gekannt in Dänemark. Alles hascht nach einem Amte, und die große Majoritätder Studirenden läßt sich weniger an einer selbständigen innern Entwickelung alsan der Erlangung eine» wohlbestandenen Eramen gelegen sein. Man erfaßt dem»
») Die ganze Anzahl der Richiluthcraner belauft sich in Dänemark auf etwa «MX», davonsind 3VOU Zudem ^