490 Das Königreich Dänemark. !
tragen können. Eine solche Sachlage erschwert freilich doppelt die Bestrebungen derNeuzeit, auch die Wissenschaften von einem außerdänischen Einfluß zu emancipircn.
Wenden wir uns nun zu den ästhetischen Zuständen des dänischen Volks. Zwar .war der große Bildhauer Thorwaldsen ein Däne, zwar streben jüngere Kräfte wür-dig dem gewaltigen Meister nach, und auch die übrigen Künste weisen talentvolleMänner in Dänemark auf: von einer Concurrenz im Allgemeinen mit dem südlichenAuslande kann aber doch nicht die Rede sein. Nur in der Dichtkunst muß mander dänischen Nation einen merkwürdig hohen und originellen Rang einräumen.
Wir brauche» nicht blos auf Öhlenschläger, Andersen oder Jngcmann hinzuweisen:die Dänen besitzen eine ziemlich bedeutende schöne Literatur auS den letzten 20—30Jahren, die jedem Volke zur Ehre gereichen würde. Die erste dänische Bühnewurde am 23. Sept. 1723 in Kopenhagen eröffnet und von dem unsterblichen Hol-berg mit nationalen Arbeiten versehen. Sie ist seit 1772 eine Staatsanstalt, derenZweck, als Nationalbildungsmittel zu wirken, ihr andere Rücksichten zu nehmen er-laubt als gerade die, möglichst großen Geldgewinn zu erzielen. Dieses National»theater erhält vom Staate einen jährlichen Zuschuß .von 75000 Reichsbankthalcrn,und steht unter einem Director, zur Zeit unter dem Ästhetiker und berühmten Dich-ter Etatsrath I. L. Heiberg, welcher sich früher die größten Verdienste um die däni-sche Bühne, sowie um die jüngere dänische Literatur überhaupt erwarb. Sowie Vag-gescn gegen Öhlenschläger eine nicht immer ungerechte als vielmehr scharfe Polemikführte und aus die dem reinen Geschmacke drohenden Gefahren aufmerksam machte,griff auch in derselben Periode der junge Heiberg die Jngemann'sche Sentimentalitätan, und drang auf die Berechtigung des Geschmacks und der Ästhetik gegenübereiner Poesie, die in Verschrobenheit auszuarten begann, zumal da die dramatischenZustände, welche in Deutschland auf die classische Periode folgten, auch die dänische fBühne mit ihrem Einfluß bedrohten. Mit seinen nationalen Vaudevillcs, die durchihren originalen Witz, ihre treffenden Charakterzeichnungen, ihre interessanten Ver-wickelungen und ihre leichte elegante Sprache gleich ausgezeichnet sind, machte Hei-berg Epoche in der dramatischen Literatur seines Landes, sowie er es auch war, wel-cher zuerst dem feinern französischen Lustspiel Eingang auf der dänischen Bühneverschaffte. Sich eng an ihn anschließend, treten mehre jüngere Dichter guf, unterdiese» der geniale Henrik Hertz, der bedeutendste Dichter der Dänen seit Ohlenschlä»ger. Die Gattin Hciberg's muß außerdem als die ausgezeichnetste Schauspielerinim Norden gelten; ja sie wird im Lustspiele kaum von irgend einer andern Actriceder europäischen Bühnen übertreffen- Äuch Künstler wie Phister, Nielsen und des-sen Frau, Nosenkilde u. s. w. würden jedem Lande Ehre machen. Vor allem stehtauf der dänischen Nationalbühne das Lustspiel hoch; das Drama nimmt den zweitenRang ein; die Tragödie stand früher höher als jetzt. Merkwürdig ist eS, daß voneiner Oper kaum die Rede sein kann: das Publikum scheint sich für dieselbe wenigzu interessiren. Dagegen übertrifft das Ballet, unter dem genialen Bournonville,gewiß die meiste» Leistungen dieser Art auf den au«landische» Bühnen. Wir haltendie Bemerkung nicht für unwichtig, daß am Nationalthealcr zu Kopenhagen dieMitglieder lebenslänglich cngagirt sind, wodurch ein jeden Fremden überraschende-, ,.unvergleichliches Zusammenspicl entsteht, welches einer dramatischen Arbeit erst ihrerechte Deutung gibt und die unerläßlichste Bedingung wahrhaft künstlerischer Ge-sammtleistung ist. Die Dänen zeigen sich kaum weniger als die Franzosen für diedramatische Kunst begeistert. Es ist dies eine Nationalleidcnschafl, die i» der Regelweil mehr uls die Politik die Hauptstadt beschäftigt, und die selbst in den Provin»-ialstädten ein respektables Schauspiel geschaffen hat. ES bliebe uns hier noch übrig,der dänischen Journalistik zu erwähnen; wir behalten uns aber vor, derselben weiterunken einige Aufmerksamkeit zu widmen.