520
Das Königreich Dänemark.
Wir haben schon des Londoner Protokolls erwähnt. Dasselbe wurde am2. Aug. 1850 von Lord Palmerston und den Gesandten Frankreichs, Rußlands,Östreichs, Schwedens und Dänemarks unterzeichnet, und sprach die Integrität derdänischen Monarchie und den Wunsch auS, in Übereinstimmung mit derselben dieErbfolgeangelegcnhcit geregelt zu sehen. Mit Bezug hierauf hatte sich Dänemarkbestrebt, die Erbfolge auf die jüngere Linie des königlichen Hauses, die Glücksbur-gische, zu übertragen, und im Sommer 1851 gelang es dem Gesandten in Peters-burg, Baron Pcchlin, den Zar für dieses Arrangement zu gewinnen. Herr vonReedtz brachte aus Warschau die definitive Einwilligung des Zars zurück, und wi-derlegte dadurch oll circulircnden Gerüchte, welche bald den Prinzen Peter von Ol-denburg, bald den Herzog von Leuchtenberg als Thronerben bezeichneten. Am17. Juli wurde in Kopenhagen ein Familicnact unterzeichnet, durch welchen derPrinz Friedrich von Hessen, als präsumtiver Thronfolger, und die übrigen in derHauptstadt anwesenden Mitglieder des königlichen Hauses ihre Rechte auf den dä-nischen Thron zu Gunsten des Prinzen Christian von Glücksburg und seiner erbbe-rechtigten Descendenten cedirtcn. Preußen trat später ebenfalls dem Londoner Pro-tokoll bei, und am 8. Mai 1852 wurde in London ein Traktat unterzeichnet, wo-durch die Großmächte das cbengedachte Arrangement der Erbfolge anerkannten. DieRatifikationen dieses TractatS wurden sodann im September 1852 ausgewechselt.Bemerkenswerth ist es übrigens, daß der Text dieses Documcnts keine dauerhafteund unbedingte Garantie der bestehenden territorialen Verhältnisse des dänischenStaats enthält.
Wendepunkt der dänischen Politik im Oclober 1851 durch die Federungen der Mächte aufHerstellung de« Gesammtstaat«, die daraus folgende Modifikation der Cabinet«; die Staats-ordnung vcm 28. Jan. 1852 und das neue Ministerium; die Thronfolgeangelegenheit und
taS Zollgcsctz vor dem Reichstage.
Nach der Bildung des Ministeriums vom 12. Juli schien in der öffentlichenMeinung ein Stillstand eingetreten zu sein. Das neue Cabinet war entschieden un-populär; man hielt aber die Äußerungen der Misbilligung einigermaßen zurück, er-, wartete dagegen mit Gespanntheit das Zusammentreten des Reichstags, von demman eine energische Haltung hoffte. Einzelne Wahlen zum Volksthing an derStelle ausgetretener Mitglieder deuteten auf einen heranziehenden Sturm. Die Mi-nister suchten ebenfalls um jeden Preis gewählt zu werde», und man hatte deneigenthümlichen, fast skandalösen Anblick, in Aaldurg den Geheimrath Tillisch alsNebenbuhler Bang«, und in Beile den Kriegsminister als Gegenkandidat Lehmann'Szu sehen. *) Endlich begann mit dem Monat Oktober ein abermaliger Wendepunkt inden politischen Verhältnissen des Landes. Die Krisis wurde durch eine östreichische, einerussische und eine preußische Note, welche gleichzeitig eintrafen, herbeigeführt. Dieöstlichen Großmächte federten nicht nur den Gesammtstaat, sondern auch „die Ge-sammtheit der zur Einheit der Monarchie gehörigen Staat-einrichtungen", und mach-ten beifällige Andeutungen auf eine „beabsichtigte Einberufung der holsteinischenProvinzialstände" als Grundlage der GesammtstaatSvcrfassung. Eine solche Einbe-rufung war aber gar nicht beabsichtigt; eS war vielmehr eine Insinuation, die einenindirekten Angriff auf da« dänische Grundgesetz zu enthalten schien. Diese Notenverursachten zuvörderst eine» entschiedene» Zwiespalt im Staatsrathe, wo speciellK. Moltke und Reedtz das System nach den Wünschen der Großmächte modisicirtwissen wollten, während die Majorität einig war, eine derartige Einmischung desAuslandes i» die innersten Angelegenheiten de- StaatS nicht dulden zu können.Nach heftigen Debatten reichten K. Moltke und Reedtz ihre Entlassung ei»; siewurden durch den Geheimrath Bluhme (Minister des Auswärtigen) und denGeneral Flensbot' (Kriegsminister) ersetzt. Es war dies das dritte Ubergangsmi-
') Gewählt wurden Tillisch und llehmann