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Achter Band.
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526 Das Königreich Sardinien.

harrten, so mußte nicht nur jeder Gedanke an die Erwerbung der UnabhängigkeitItaliens aufgegeben werden, sondern mußten selbst die erlangten Vcrfassungsfreiheitenin näherer oder fernerer Zukunft mit Vernichtung bedroht erscheinen. Nur der großerevolutionäre Haufe mochte sich über die Bedeutung Sardiniens täuschen, weil essich den Vorrang im Reform- und Verfassungskampfe hatte ablausen lassen. Alle be-sonnener» Männer urtheilten anders! Diese wußten, daß dieser Staat vermöge seinervorgeschrittenen Volksbildung, seines starken und unabhängigen Mittelstandes und sei-nes geordnete» Verwaltungswesens mehr als das übrige Italien zu einem freien Ver-fassungSleben vorbereitet, und, einmal im Besitz freier Institutionen, vermöge derEnergie und des ernsten Sinnes seiner Bevölkerung fähiger war, diese Institutionenzu behaupten. Die folgenden Jahre haben diese Ansicht auch vollkommen bestätigt.

Länger als ein Jahr schon befanden sich die verschiedenen Staaten Italiens inder politischen Bewegung, und »och nicht hatte diese, obwol immer gewaltiger wo-gend, die Grenzen Sardiniens überschritten, das doch in allen seinen Strebungcnund Ideen mit dieser Bewegung übereinstimmte. Woher nun diese Erscheinung! Be-stimmt und kurz läßt sich darauf antworten, daß der Grund davon zunächst in derfesten und treuen Anhänglichkeit des Landes an die Dynastie, in dem Vertrauen derliberalen Partei zu dem nationalen und dem Fortschritt zugeneigten Sinne Karl Al-bert'S, und in der größer» Erkenntniß der schwierigen Landesverhältnissc lag. Diegroße Mehrheit der Bevölkerung mochte über der Erwartung politischer Freiheitennicht die zahlreichen Wohlthaten vergessen, die das Land von Karl Albert währendseiner lttjährigen Regierung empfangen hatte. Durch weise Gesetze und Einrich-tungen hatte er Handel, Industrie, Gewerbe und Ackerbau aus den hergebrachte»Fesseln befreit, erweitert und gehoben, den Verkehr durch Straßen- und Brückenbau-lcn erleichtert, die Feudaleinrichtungen der Insel Sardinien abgeschafft, viele höhereund niedere Schulen, viele Wohlthätigkeitsanstaltcn und ein völlig neues, mehr aufmoralische Wirkung und Erziehung als auf bloße Züchtigung berechnetes Gefängniß-wesen ine Leben gerufen. Er hatte die Justiz rcformirt, in vielen Provinzen dieSteuerlast erleichtert, die heilsamen Agrarcongresse angeregt, mit wärmcrm Eifer, alsnur irgend einer der zeitgenössischen Fürsten Italiens, Künste und Wissenschaften be-schützt und ermuthigl, und nie aufgehört, Beweise seiner angelegentlichste» Sorgfaltum da- Aufblühen seiner Staaten zu geben. Diese und zahllose andere Wohlthatenwurde» um so dankbarer anerkannt, als man wußte, mit wie großen SchwierigkeitenKarl Albert bei Vollbringung derselben zu kämpfen gehabt hatte; wie er oft bei derunscheinbarsten Verbesserung und Reform Schritt vor Schritt dem Jesuitismus dasTerrain abgewinnen, und nicht selten sogar mit der argwöhnischen Diplomatie Roms,Östreichs und Frankreich-, die von früher her gewohnt, sich in die innern Angelegen-heiten Sardiniens einzumischen, mehr oder weniger ernste Kämpfe bestehen mußte.

Eine radicale und republikanische Partei im eigentlichen Sinne cxistirte zur Mtder italienischen Reformbewegung in Sardinien nicht, wen» es auch deshalb nichtan vereinzelte» Radicalen und Republikanern fehlte. Doch konnten diese bei dem ge-mäßigten und verständigen Sinne des Lande» und der große» Poplllarität deS Kv'nigs gerade in den Classen, die am leichtesten der politischen Verführung zugänglich,weder Halt noch Einfluß gewinnen. Seit der so unglücklich verlaufenen Conspira-tion der ersten dreißiger Jahre und der republikanischen Invasion in Savoycn hattedie radicale Emigration Sardiniens im Auslande fast alle ihre Anhänger auf demheimischen Boden verloren. Dagegen hatte sich eine zahlreiche liberalegebildet, die, ohne die Grenze» des Gesetzes zu überschreiten, besonne» aber »achdru -Uch auf den Dolksgrist einzuwirken suchte, und schon seit Ende der dreißiger Iah^das mühsame Werk der Volksbildung durch Schulen und Schriften unternahm. DwlPartei begann allmalig der klerikal-absolutistischen Richtung mächtig zu '

und rang ibr mehr als einmal moralische Siege ab, obwol es für cinen t>ge»t>^ ^geregelten und offene» Partcikampf a» der Arena fehlte, die erst mit demder Verfassung geöffnet werden sollte.