Band 
Achter Band.
Seite
528
JPEG-Download
 

528

Das Königreich Sardinien.

Kindheit und erste Jugend hatte er während der französischen Herrschaft zumeist inFrankreich verlebt, wo ihm eine einseitige militärische Erziehung zu Theil wurde.Nach der Restauration in sein Vaterland zurückgekehrt, und daselbst größere Freiheitin seiner persönlichen Stellung genießend, suchte er seinen Umgang hauptsächlich unterden Männern, die sich zu patriotischen Gesinnungen bekannten und in den Napoleo-nischcn Kriegen den italienischen Waffen Ehre eingebracht hatten. Der seit der Re-stauration, namentlich gegen die zwanziger Jahre, in ganz Italien vielverzweigtc Car-bonaribund scheint ihn schon früh mit seinen politischen Zwecken vertraut gemacht undfür sich gewonnen zu haben. Als die hauptsächlich von den Carbonari eingeleiteteJnsurrection zu Neapel im Jahre 1820 fehlgeschlagen war, lenkte der Bund seinbesonderes Augenmerk auf Piemonc, in dessen Heere der CarbonarismuS zahlreicheAnhänger zählt«. Vergeblich hatten die Liberalen von Karl Felix die Verleihungeiner Verfassung gefedert, und es faßte darum jener Bund den Plan, die vom Thronezurückgewiesene Foderung — die, wie sich bald herausstellte, im Volke nur geringenAnklang fand — auf dem Wege der Jnsurrection zu erzielen. Der Prinz von Ca-rigna», damals kaum 23 Jahre alt, sollte gleichzeitig zum Könige von Sardinienausgerufen werden. Als der einen fast rein militärischen Charakter tragende Auf-stand, der sich in der Hauptstadt nur in einem Auflaufe von bewaffneten Carbo-nari und mehr neugierigen als insurrectionslustigcn Volkshausen äußerte, im Jahre1821 wirklich ausbrach, kannte bei dem jugendlichen Prinzen die Enttäuschung unddie Einsicht in die Leerheit der Verheißungen und Hoffnungen, durch die derselbebestimmt worden war, der Erhebung seinen Namen zu leihen, nicht lange ausbleiben.Erkenntniß seiner Verpflichtungen gegen die königliche Familie oder Verzweiflung andem günstigen Ausgange, vielleicht Beides zugleich, veranlaßten ihn, sich gleich in denersten Tagen des unglücklichen Unternehmens von den Carbonari zu trennen.

Während viele seiner Genossen die Gefängnisse Piemonts füllten, und einenoch größere Zahl ihre Betheiligung am Ausstände durch ein langes Exil büßte,sollte auch der nach Toscana geflüchtet« Prinz von Carigna», der Thronfolger Sar-dinien-, eine herbe Buße für seine Betheiligung an dem Unternehmen erdulden. Kö-nig Karl Felix zauderte lange, ehe er seinem Vetter Verzeihung gewährte. Ostreich,das die picmonlesische Jnsurrection durch Truppenmacht erstickt und festen Fuß inPiemont gefaßt hakte, wollte im Prinzen von Carignan nicht den künftigen Thron-erben des Landes erblicken, und wirkte gemeinsam mit dem russischen Hofe dahin,daß demselben das Recht auf die Thronfolge entzogen würde. Da Karl Felix demwiderstand, verlangt« Östreich Beweise und Garantie für die Gesinnungsänderung desPrinzen, und dieser, der ehemalige Anhänger und Vorkämpfer des konstitutionellenPrincips, mußte sich endlich entschließen, an der französischen Expedition von 1825zum Umsturz der konstitutionellen Verfassung SpanienS Theil zu nehmen.*)

Preis, um den er, wenn auch nicht die Versöhnung, doch das Aufgeben der Feind-seligkeit von Seiten der nordischen Höfe erkaufte, verdüsterte seitdem sein von Naturheiteres und leichte- Gemüth, das sich nun von deni Glänze des Hoflebens abzuwen-den und sich in die Zurückgezogenheit und zu ernsten Studien zu flüchten begann.DaS sanfte, gleich sehr von Wohlthätigkeit-sinn wie von Frömmigkeit beherrschte Ge-müth Maria Theresia'- von Toscana, mit der er sich als Kronprinz verheirathete,

*) Mit Bitterkeit und Lchmcrz erinnerte sich Karl Albert wenige Lagein der Selbstverbannung zu Oporto dieser vielleicht unglücklichsten Gpoche i

,,3ch opferte mich damals selbst", sagte er, „mich, meine Principien und mein t

dem Heilt Piemonts und des Vaterlandes. Wenn ich nicht Nlit den Grenadieren ftranreicht im Trocadero gewesen wär«, wofür Unkundige mich so oft geschmäht huben, >o wurdie nordischen Mächte dem Könige Karl Felir den Gemahl der Tochter Victor Enianuel »zum Nachfolger bestimmt haben. Welche Zukunft würde dann unserer Nationalität aufvon Östreichs Gewalt und Sinstuß beherrschten Halbinsel vorbestanden haben! Vg-brario, ,,<-li Ultimi piorni cki tt.,rlu .tltivrto a Oporto" (Turin I8»l>), der die letztenKarl Albert'« als Mitglied der an diesen abgesandten Nationaldeputation theilte.