Das Königreich Sardinien. 515
Partei. DaS Blatt wurde von dem Advocatcn Angela Brassens geschrieben, dersich als guter Dichter bekannt gemacht hatte. Ein unruhiger Kops, schwankendin den Grundsätzen, den Ruf eines Volkskübrers suchend, ließ er seine poetischeAder in ebenso lockere als exaltirte politische Anschauung überfließen, und brachte sich,
. nachdem er häufig den Erisapfel unter die Parteien geworfen, um allen und jedenpolitischen Credit. In Genua, wo sich die Parteien schärfer als in Turin schieden,wurde der „Lorrierv mercantile" das Organ der dcmokratisch-constitutioncllc» Rich-tung. Die „l-ogu iliili-ma", rcdigirt von Ricci und Parcto, vertrat fest und bestän-big die liberale Partei. Neben diesen beiden Hauptorgancn schössen aber bald mehre^ kleine Mazzini'sche Blätter auf, die sich angelegen sein ließen, das leicht erregbareGemüth des genuescr Volks zu entzünden. Dies geschah um so leichter, als die Ne-volutionsstürme in Sicilien, die fieberhafte Bewegung in dem nahen Livorno, die blu-tigen Reibungen in der verwandten Lombardei, und endlich die wahnwitzigen Um-triebe der Jesuiten auf der Insel Sardinien und in Genua selbst überreiches Brand-material lieferte».
Die beiden ersten Monate deS Jahres 1848: die Verleihung der Verfassung; die Festlichkeiten;Eindruck der französischen Februarrevolution.
In der That begann schon zu Anfange Januar 1848 eine lebhafte Agitationin Genua, die sich hauptsächlich gegen die Jesuiten richtete. Die Demonstrationengegen ihre Profcßhäuser wurden immer häufiger und heftiger. Starke Volkshaufenbrachen in die Rufe aus: Fort mit den Jesuiten! Nieder mit den Loyolistcnl Un-bändig wurde vollends die Volkswuth gegen den seit langen Jahre» tiefverhaßtcn Or-den, als die aus Cagliari vertriebenen Jesuiten bei Genua landeten. Nur schwergelang cS, sie vor dem thätlichen Grimme deS Volks zu schützen. Eine mit vielentausend Unterschriften bedeckte Petition, die Aufhebung des Jesuitenordens und gleich-zeitig die Gewährung der Volksbewaffnung fodernd, wurde von den Bürgern Ge-nuas vermittelst einer Deputation nach Turin gesandt. Diese Petition kam denWünschen der Tnriner vollkommen entgegen, wenn sich diese auch nicht, wie dort,in stürmischer Weise Luft machten. Die Redacteure der turincr Journale empfin-gen die genuescr Deputation mit Freuden- und Ehrenbezeugungen, und in einer ge-meinschaftlich von ihnen abgehaltenen Berathung wurde beschlossen, mit dem gcnucserBegehren zugleich auch die Bitte um Verleihung einer Verfassung an den Königd» richten.
Angsterfüllte, tiefbewegte Tage begannen um die Mitte Januar 1818 in Tu-rin. In Mailand (2. und 4. Jan.) und Pavia (9. und 10. Jan.) war bereitsVlut geflossen, und die Art und Weise, in welcher hier gegen das Volk einge-schritten worden, setzte die Picmoiitesen und Ligurier in eine fieberhafte Bewegung.Dazu kam die nicht vergessene Drohung Nadetzky'S hinsichtlich PiemontS, „daß ihmdas Schwert vor Ungeduld in der Scheide brenne". Am 14. und 15. Jan. ström-ten die ganze Jugend und Tausende von Bürgern und Frauen, mit Trauerkleidungangethan, in die Kirchen TurinS, um feierlichen Todtenmessen für die zu Mailandund pavia Gefallenen beizuwohnen. Die reichsten und angesehensten Kaufleute undBankiers der Hauptstadt versammelten sich zur Berathung über die bedrohte Lagedes Vaterlandes, und, von den edelsten und aufopferungSfähigste» Gefühlen geleitet,baten sie Karl Albert dringend um schleunige Gewährung der Nakionalgarde. In»hrcr Petition hieß eS, daß der Handel-stand, gleich sehr von Liebe zum Vaterlande?. zum Könige beseelt, und von den ergreifenden Ereignisse» getrieben, bereit sei,glühenden Eifer für die Aufrechthaltung der Würde der Krone und die Der-biöe""ä der nationalen Unabhängigkeit zu beweisen. Der Handtlsstand habe inlen Fa die Aufgabe, im Vereine mit der Industrie die Wohlfahrt der socia-
stebe w ^ ^ befördern; aber wen» eine bedrohte Zukunft dem Vaterlande bevor»Y , enn gewaltiger Umschwung im Innern und auswärts die Dauer des Frie-D>e Gegenwart, vin, 35