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Achter Band.
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549 Das Königreich Sardinien.

Zeiten zu größer» Dingen reif sind", hieß es in dem Manifeste des KönigS, „undinmitten der in Italien sich folgenden Staatsvcrändcrungen stehen wir nicht an, un-sern Unterthanen den feierlichsten Beweis, der in unserer Macht steht, von unsermVertrauen zu liefern, das wir zu ihrer Ergebenheit und tüchtigen Gesinnung hegen."

Die hauptsächlichsten Grundlagen der Verfassung waren folgende: Katholische Reli-gion als Staatsrcligio», doch Duldung der übrigen Culte; Heiligkeit und Unverlctz-lichkeit der Person des KönigS, Verantwortlichkeit seiner Minister; zwei Kammern,von denen die erste aus vom Könige auf Lebenszeit ernannten Mitgliedern besteht,während die zweite aus Volkswahlcn nach einem Census hervorgeht; gemeinschaft-liche Initiative i» der Gesetzgebung; Steucrbewilligung als unbedingtes Recht derKammern; freie Presse, Garantie der individuellen Freiheit; Unabsctzbarkeit der Rich-ter; Nationalgarde.

Freude und Dankbarkeit beherrschte alle Gemüther. Die ganze Stadt gerielh in !Bewegung. Auf den Straßen wechselten gegenseitige Beglückwünschungen der Bür-ger mit Hochrufen auf Karl Albert und die Verfassung. Die schönsten Momente der jNovembcrfeste vom vorhergehenden Jahre kehrten wieder. Gegen Abend durchzogen !die studirende Jugend, die Gewerbe, Bürger jeden Alters und Standes in langenZügen, unter Fackelschein, fliegenden Fahnen und Nationalgcsängen die Straßen.

In diesen Jubel mischte sich plötzlich feierliches Glockengeläute von allen Kirchtür-men der Stadt und der Umgegend. Vor dem Schlosse des KönigS, vor dem Mu»nicipium, vor dem Palais deS neapolitanischen, toscanischen und römischen Gesandtenwurden von den unübersehbaren VolkSzügen Evvivas auf Karl Albert, auf PiuS IX.,auf die Verfassung, auf ein einige- und unabhängiges Italien ausgebracht. GanzTurin schien eine einzige Familie; kein misfälliger Ruf, kein Zorn gegen die Ver-sassungsfcinde trübte daS triumphirende Bürger- und Nationalgcfühl. Der KlcruShatte die Kirche» illuminirt; an mehren Klöstern waren Dankinschriften zu lesen.Nur daS Jcsuitencolleglum In der Doragrossa war still und unbeleuchtet. Als derFackelzug vorübcrschritt, riefen mehre Stimmen: Beleuchtung! Lichter heraus! An-dere Stimmen antworteten: Laßt sie in der Finsterniß! und das Volk zog heiterund ruhig weiter.

So freudig begann Turin, begannen alle übrigen Provinzen und Städte dieneue konstitutionelle Ära. Die VerfassungSbestimmungcn befriedigten alle Patrioten,und die Exaltirteu wagten eS nicht, dieser Einmüihigkeit gegenüber sich unzufriedenzu zeigen.*) Die Regierung selbst hauchte dem ersten Paragraphen, der die Staats-religion sanctionirte, liberalen Geist ei», indem sie durch ein Dccret (vom 18. Febr.)die bürgerliche Gleichberechtigung der Waldenscr und Protestanten aussprach undspäter die „Emancipation der Juden" proclanürte.

Der Eintritt Sardiniens in die Reihe der konstitutionellen Staaten wurde lnganz Italien mit Jubel begrüßt und gefeiert: die nationalen Hoffnungen belebte» sich/warfen den durch lange Jahrhunderte genährten Provinzial- und Municipalgeistnieder. In Rom that sich der Ruf nach einem Bündniß mit ToScana und Sar-dinien kund. An die Stelle der Cardinalherrschaft trat zu Rom ein Laienministe-rium. Der Großherzog von ToScana verlieh die Verfassung vom 17. Febr., und >zu Neapel schwur Ferdinand II. feierlich am Fuße des Altar-: „die am 10. Febr.promulgirte und unwiderruflich sanctionirte Verfassung unversehrt zu beobachten; nieirgend etwa- gegen die Constitution, »och gegen die in Betreff deS Eigenthums «ndder Personen seiner geliebten Unterthanen sanctionirten Gesetze zu unternehmen." 3"dem kleinen, an der ligurischcn Meeresküste gelegenen Fürstenthume Monaco, dasschon seit langer Zeit eines harten Steuerdrucks übermüde war und sich »ach einemAnschluß an vie sardinischen Staaten sehnte, brach nach zahlreichen Demonstration«'gegen Fürst Florestan l. eine unblutige Schildcrhtbung aus (am 7. und 8. März)'

*) Promulgirt wurde die sardinische Verfassung, auf die unveränderten Bestimmungen derProclamationen vom 8- Kebr. bahrt, am 4. März 1843.