Das Königreich Sardinien.
553
schloffen sich die Läden, wenn das unheimliche Gcwirbel des Generalmarsches in derStadt ertönte. Der Gedanke an gewaltsame Erhebung war in allen Gemüthernheimisch geworden; ungeduldig harrte man dem günstigen Momente entgegen. DieNachricht von der pariser Februarrevolution machte auf alle Classen der lombardisch-venetianischcn Städtebevölkerung einen blitzartigen Eindruck. Überall begann eS sichzu regen, die Grabesstille machte immer unzweideutiger» Manifestationen Platz. Alsam 17. März um die Mittagsstunde die wiener Revolution, die Flucht des gehaßtenStaatskanzlcrS und der Volkssicg über dessen System in Mailand bekannt wurde,füllten sich die Straßen sofort mit bewegten Volkshaufen, und zum ersten mal bra-chen die Mailänder in laute Hochrufe und Verwünschungen aus. Eine kaiserlicheProklamation auS Wien, den lombardisch-vcnetianischcn Provinzen Prcßsreiheit undEinberufung von Provinzialständen zusagend, wurde keineswegs mit Jubel aufgenom-men, vielmehr an manchen Orten von den Mauern abgerissen. Der Vicckonig hattesich auf die Nachricht von den wiener Ereignissen auS Mailand entfernt. Die erstenLaute der freien Presse waren die grofigcdrucktcn, a» vielen Straßenecken neben denkaiserlichen Concessionen angehefteten Worte: „Doppo Willi!" (zu spät!). Am Mor-gen dcS 18. März kaS man an den Straßenecken die „Foderungen der Italiener derLombardei", nämlich: „Aufhebung der alten Polizei, von der Municipalität abhän-gige Nationalgarde, Abschaffung der Standgerichte und Freilassung der politischenGefangenen, provisorische Regierung, Zusammcnbcrufung der Communalräkhe zurVorbereitung einer Nationalreprascntation, Neutralität der östreichischen Truppen."Als sich der beliebte Oberbürgermeister Graf Gabrio Casati nach dem Nathhause be-gab, um die Freilassung der politischen Gefangenen zu sodern, drängten sich zahl-reiche Volk-Hausen hinter ihm her, uister immer lauterm Schrei nach Dolksbewaff-nung. Inzwischen ließ Nadetzky die Stadtthore, mehre Straßen und öffentliche Ge-bände mit Truppen z,»d Kanonen besehen. Die verneinende Antwort der Polizeiauf die Federung Casali'S goß Öl inS Feuer. Vergeblich und im brausenden Lärmkaum vernehmbar waren deS Letzter» beschwichtigende Worte. Gefolgt von einerlavincnartig anwachsenden Volksmenge begab er sich nach dem Negiernngspalast, wodie Militärpostcn nur den Beamten freien Eintritt gestatten wollten. Da ward aufder Stelle eine Schildwachc niedergemacht, die andern Soldaten wurden zurückge-worfen, und in wenigen Augenblicken befand sich daS Gebäude in der Gewalt desVolks. Massen von Aktenstücken warf man zu den Fenstern hinaus und verbranntesie auf der Straße. Der Gouverneur O'Dolmcll gab nach kurzer Weigerung denVolkSfodcrungcn nach; todcSblcich unterzeichnete er die Dccrete über Volksbewaffnung,Abschaffung der Polizcidirection u. s. w. Ehe sich aber die Bürger auf dem Rath-hanse mit Waffen versehen konnten, gcriethen die Truppen mit der Volksmenge anverschiedenen Orte» zugleich in« Handgemenge. Unter den Rufen: ES lebe Italien!ES lebe die Unabhängigkeit I Nieder mit den Kroaten! Tod den Deutschen! wardder Polizcipalast gestürmt, begann in allen Stadtthcilen der wülhendste Kampf. Dieganze Stadt bedeckte sich mit Barrikade»; auS den Fenstern flatterten dreifarbige Na-tionalsahncN; von den Thürmen läuteten die Sturmglocken, auf welche daS von denTruppen besetzte Kastell mit Kanonendonner antwortete; Pflastersteine und DachziegelVerwandelten sich den Handen von Frauen und Kindern zu Waffen; auf allen
Straßen floß Blut Die lombardische Insurrektion hatte begonnen!
Erst der Einbruch der Nacht gebot Waffenruhe. Die Truppen zogen sich ausen Straßen zurück; doch fast alle öffentlichen Gebäude und die äußern Stadtiheilraren in ihrer Gewalt. Nadetzky flldcrte schriftlich das Municipium zur Nicdcr-in ^ ^ Waffen auf. Er drohte „mit Plünderung und allen andern Mitteln, diewas ib« stehen, um die rebellische Stadt zum Gehorsam zurückzuführen;
und 2NN w " gelingen werde, da er ein kriegSgeübleS Heer von 100000 Mann>,:,e i" seiner Disposition habe". Die Municipalräthe erbleichten bei
» A.'E'aft. Welche Aussichten waren in der That auf einen Volk-siegV cik D,e Bürger hatten nur 1 — 500 Büchsen und Flinten, waren von