592 - Das Königreich Sardinien.
blieb. General Alfonso dclla Marmora, welcher sich mit seiner Division (10000 IMann) von Parma nach Tortona begeben hatte, erhielt Befehl, Genua zu unter-werfen. Aber noch während seines Marsches wurde die Masse der Insurgentenimmer geringer. Die Nationalgarde, welche keinen Theil an der Bewegung gcnom- !mcn, stellte sich, mit Ausnahme von 250 Mann unter Avezzana, auf die Seite derRegierung, und das Municipium, vom Mittelstände und Adel dazu angerufen, warbereit, mit La Marmora bei dessen erstem Erscheinen zu verhandeln. Kurz und ohn-mächtig blieb unter diesen Umständen der Widerstand des vereinzelten Jnsurgentcn-haufenS. Die Forts und der Molo fielen ohne Kampf in die Gewalt La Marmo-ra's »ach kurzem Bombardement, worauf ein Waffenstillstand (6. April) und we-nige Tage später eine allgemeine Amnestie, von welcher nur zehn Häupter der In-surgenten ausgeschlossen bliebe», der Sache ein Ende machten. Die Bürger selbsterleichterten auf jede Weise den Einzug La Marmora's, und suchten seitdem durchzahllose Beweise von Anhänglichkeit an Picmont und Victor Emanuel den leisestenSchatten von Abfallgelüsten zu verwischen.
Eindruck der Lrauernachrichten zu Turin; da« Parlament und der neue König; der Friedens-schluß; Beisetzung Karl Albert'«.
Am Abende des 23. Mär; wnrde in Tnrin bekannt, daß die Picmontescn beiNovara eine Hauptschlacht lieferten, aber erst am 20. erfuhr man, »ach unbeschreib-licher Angst, nach zahllosen widersprnchvollen Gerüchten, das schreckliche Resultat,die Niederlage, die Abdankung Karl Albert's, den Waffenstillstand. Die Bestür-zung, Aufregung, Verwirrung, welche dieser Nachricht folgten, war unbeschreiblich.Die Nachricht kam so unerwartet, daß ein großer Theil der Bewohner ihr in denersten Stunden keinen Glauben zu schenken vermochte. Die Minister selbst bliebenüber zwei Tage in voller Ungewißheit des Vorgefallene». Der Bestürzung folgtenrasch tiefe Niedergeschlagenheit und die schwersten Befürchtungen. Die Absolutistcnerhoben sich plötzlich aus der scheinbaren Lhatlosigkcit, und bemühten sich ein politi-sches Novara dem Lande zu bereiten: die Verfassung und die freien Institutionensollten durch einen Staatsstreich vernichtet werden. Man suchte Victor Emanuel U-in bald verführerischer, bald drohender Weise zu überreden, wie nach der Schlachtvon Novara das einzige RettungSnüttel für Picmont die Wiederherstellung der altenOrdnung sei; wie er daS Heil dcS Landes, welches der Republik zusteuere, um soleichter begründen könne, als er die Verfassung nicht beschworen, und mithin nichtdie Verpflichtung habe, sie aufrecht zu erhalten. Nie hat ein Fürst unter erschüt-terndem und betäubender» Eindrücken seine Regierung angetreten als Victor Ema-»uel. Patriotisch von Gesinnung, hcldcnmüthig als Soldat, war er per Politik bisdahin fast fremd geblieben. AlS einziger Leitstern inmitten der Verlockung, Drohung, des Unglücks und der Verwirrung diente ihm nur seine Geradheit nnd sc>"Gewissen. Und diesem folgte er, die Versuchung überwindend, und den Männci»von reinem Patriotismus bereitwillig die Hand reichend.
Die Minister reichten in Masse ihre Einlassung ein. Das Land war eine"Augenblick ohne Regierung, ohne bestimmte Leitung. Mit Angst ssah man jeder
kommende» Stunde entgegen. Das Nationalgefühl empörte sich, daß Ostreich bewaff-net festen Fuß im Lande gefaßt, während gerade dieser Upistand der alte» absolutistischejesuitischen Partei die größte Sicherheit verlieh. Endlich am 27. März vernahmTurin die Stimme deS jugendlichen KönigS. In einer Proklamation rief er cnBürgern die Worte zu: „Unglückliche Ereignisse und der Wille meines verenrBaker« haben mich vorzeitig auf den Thron meiner Ahne,; gerufen- ^>e ^ rnisse, unter welche» ich die Zügel der Regierung ergreife, sind der .r , !-
ohne die innigste Mitwirkung Aller schwer meinem einzigen Wunsch, da -gemeinsamen Vaterlandes zu wahre», nachzukommen vermag. L)>e l-yclchiVölker reife» nach den Planen Gottes heran; der Mann muß ihnenKraft zuwenden j wir haben dieser Schuldigkeit gegenüber nicht gefehlt. v