Band 
Achter Band.
Seite
672
JPEG-Download
 

672

Die kirchlich-religiöse Bewegung der Gegenwart.

der Bauernstand, weil sie, besonders in den größer» Städten, unmittelbarer von dembewegten Strome des öffentlichen Lebens und ocr fortschreitenden Entwickelung ge-tragen wird, und allzu sehr der Pflege materieller Interessen obliegt, um eine be-sondere Empfänglichket für die Ansoderungen der Religion und der Kirche zu be-wahren. Die Bourgeoisie und ihre Presse hatte nach dem Vorgänge der Pairs-kammer den Kampf gegen die Hierarchie geführt, die man daher jederzeit auf Seitedes monarchischen Absolutismus und der feudalistischen Aristokratie zu sehen gewohntwar. Das neue Regiment mußte daher von jeder Gemeinschaft mit der Hierarchieabstehen, und wurde auch von dieser als feindlich angesehen, weil es nur durch denSturz der kirchcnfreundlichen ältern Bourbons sich erhoben hatte.

Ludwig Philipp war, seiner persönlichen Gesinnung nach, keineswegs fromm-gläubig oder kirchcnfreundlich; seine religiöse Richtung war, theils durch seine freigei-sterischc Erzieherin, Frau von Genlis, theils durch die Eindrücke der Revolution be-stimmt, eine indifferente. Auch der Einfluß seiner schwärmerisch frommen Gemahlinwürde ihn nicht zu großen« Wohlwollen gegen die Priesterpartei bewogen haben,hätte ihn nicht schon sein eigenes dynastisches Interesse dahin geführt, die Gunstderselben zu suchen. Ludwig Philipp wollte den revolutionären und illegitimenUrsprung seiner Krone und seiner Dynastie vergessen machen. Wenn er darumvor allem nach Anerkennung seiner Legitimität durch die Fürsten strebte, so verfolgteer auch ununterbrochen, obwol im Geheimen, ein gleiches Ziel bei der Autoritätder Kirche, und war aufs eifrigste bemüht, dieselbe mit der neuen Ordnung derDinge zu versöhnen. Die Hierarchie nahm sein Entgegenkommen anfangs mit schnö-der Kälte auf. Sie vertrat offen die Sache der Legitimität und der gestürzten Dy-nastie, wußte jedoch die Stimmung des Königs dabei wohl zu benutzen, umStillen den verlorenen Einfluß allmälig wiederzugewinnen, und auch die gesetzlichunterdrückten Verbindungen, besonders aber die Jesuiten, wieder einzuführen. DerTod des Herzogs von Orlc'ans, der überhaupt einen sichtbaren Wendepunkt i» derNegierungsgeschichte Ludwig Philipp's bildet, verschaffte der hierarchischen Parte«einen immer festen« Halt beim Könige, je mehr dieser die Stütze schwanken sah, d«eer bisher in der liberalen Bourgeoisie gefunden hatte. Während man im B«""bereits nicht ohne Besorgniß die zunehmenden Übergriffe des Klerus bemerkte, denendie Regierung keinen Widerstand leistete, glaubte die Hierarchie nun mit ihren Pra-tensioncn wieder offen hervortreten zu können, und begann den Versuch zur. Wieder-herstellung ihres Einflusses mit einer Waffe, die ihr von der Julircvolution selbst "die Hand gegeben war. ^

Der Klerus trat nämlich mit der Fodcrung hervor, die in der Charte von 18-*zugesicherte Freiheit des Unterrichts zu verwirklichen, das der Universität im Jahrr1808 verliehene Recht der Leitung und Controlirung alles öffentlichen Unterrichaufzuheben, und Jedem, also auch den Organen der Kirche und den geistliche«« D 'den, die Errichtung und Leitung von Unterrichtsanstaltcn und Erzichungsinstitmzu gestatten. Bei dem Kampfe, der über diese Frage fast drei Jahre hindurch ^scheu dem Episkopat und der Universität, zwischen der kirchlich-hierarchischen u»dwissenschaftlich-politischcn Autorität geführt wurde, war der Boden offenbarfür die Kirche. Das Privilegium, also Beschränkung Aller zu Gunsten eineszclnen, war hier auf Seiten der Universität; Freiheit und Gleichberechtigung ^ .der Wahlspruch der Kirche, «vie er dies überall ist, wo die Macht ihr feindlichdie Volksmassc freundlich gesinnt erscheint. Der König und die Regierung b5"^,^e>«Geheimen auf ihrer Seite; und in der That wurden während dieses „^i«

Kampfes wiederum zahlreiche Congregationen gebildet, und auch die Jesuiten ^wieder in offener Wirksamkeit, als Lehrer des Volks und der Jugend aus, ohnman dagegen die bestehenden Gesetze geltend machte. . „och

Aber die öffentliche Meinung in der herrschenden Bourgeoisie war «mme „entschiede» antihicrarchisch. Ein skandalöser Proceß, den die Jesuiten lelv,k s--