Das Angloindische Reich. 741
zogen, zeigten sich lässig und widerspenstig. Andere Spuren der Unzufriedenheit undeines beginnenden allgemeinen Aufstandes waren für jeden Sehenden in Menge vor-handen. Man konnte wissen, daß Schir und sein Vater Tschattar Singh mit Mal-radsch in Verbindung standen und nächstens losschlagen wollten. Wären jetzt dieindischen Behörden entschieden aufgetreten, hätte Lord Gough seine Sommerfrischezu Simlah verlassen und sich an die Spitze einer hinreichenden Mannschaft gestellt:Stadt und Festung Multan wären schnell gefallen, und der ganze Aufstand derSikh wäre wenigstens vor der Hand unterblieben. Es sind zwar in diesen Ländernnur die Monate vom Beginn Decembers bis Ende April zum Kriegführen Dr Eu-ropäer geeignet. Ist aber Gefahr im Verzüge, so kakn man auch, dies zeigte Ra-pier in Sindh, zu jeder Jahreszeit ins Feld ziehen. Das Gegentheil von dem Allensollte diesmal geschehen. Man ließ den Verschworenen Zeit ihre Kräfte zu sammeln;vereinzelte geringe Heerhaufen der Angloindier wurden geschlagen; die Feinde warenermuthigt, und das Land der Fünfflüsse mußte von neuem erobert werden.
Im September bereits waren die meisten Häuptlinge und die ganze Chalsa imvollen Aufstande. Mehre hatten sich mit dem Gebieter von Multan, welcher sichgegen die wiederholt andringenden Engländer siegreich behauptete, vereinigt. DieTruppen zu Peschawer fielen ab, und die Afghanen zogen ungehindert durch dieChaiberpässe an den Indus. Sie besetzten Atak, und mehre Engländer wurden hierwie zu Peschawer gefangen genommen. Jetzt erst, sieben Monate nach der -Ermor-dung der Offiziere Agnew und Andersen zu Multan, rüstete die indische Regierungernstlich zum Kriege. Der Oberfeldherr übernahm selbst die Anführung. Schnellnacheinander wurden drei blutige Schlachten geschlagen: zu Namnagar, auf demöstlichen Ufer des Tschenab (22. Nov. 1848); bei einer Furt des Flusses selbst zuSadalapore (2. — 5. Dec. 1848); dann in dem Moorgebüsch von Tschillianwalah(13. Jan. 1849), wo die Engländer über 2200 Todte und Verwundete zählten, die89 Offiziere nicht mitgerechnet. Die Angloindier behaupteten immer das Schlacht-feld, und der alte Feldherr hielt dies für hinreichend, sich den Sieg zuzuschreiben.3» Wahrheit aber zählten alle drei Schlachten als furchtbare Niederlagen, nament-lich die von Tschillianwalah. Noch solch eine Schlacht, hieß eS — und der ganzeGrundbau des östlichen Reichs ist erschüttert.
In Großbritannien und Hindostan erzitterte man für den Bestand der anglo-indischen Herrschaft, für die großen Gewinnst«:, für die einträglichen Stellen so all-gemein, daß die stolze gebietende Hansa sich demüthigte, wie vielleicht niemals zuvorim Verlaufe ihrer ganzen Geschichte. Man brauchte nicht blos einen tüchtigen Ge-neral; man wollte auch einen in Indien bekannten, gefürchteten Namen. SirCharles Rapier, der Sieger bei Miani und Eroberer SindhS, vereinigte alle dieseEigenschaften. Der leidenschaftliche, etwas wunderliche Feldherr lag aber mit demIndischen Hause im Streite; die bittern anzüglichen Reden beider Theile wurdenselbst im Parlamente besprochen. Dies Alles mußte ertragen, mußte äußerlich we-nigstens vergessen werden. Noth und Angst standen vor der Thüre, und alle per-sönlichen Rücksichten mußten verschwinden. Noch waren nicht vier Monate seit derSchlacht von Tschillianwalah verflossen, und Napier hatte den Oberbefehl des indi-scheu Heeres übernommen. In'dieser Zwischenzeit aber war Großes geschehen; man^durfte in Indien des Helden von Miani nicht mehr. Die Stadt Multan wurdeim Beginn des Jahres 1849 genommen, und auch die Burg mußte sich nach einemhartnäckigen Widerstände ergeben (22. Jan. 1849). Malradsch selbst und alle diezusammengeraubten Schätze sielen in die Hände der Sieger; die Stadt ward derPlünderung übergeben, wobei sich selbst Oberosfizicre der bengalischen Armee bc-lykiligtcn, und der Fürst vom Kriegsgerichte zum Tode vcrurtheilt. Der Obcr-statthalter begnadigte ihn jedoch zu ewiger Verbannung nach Bengalen, wo er (1l.Aug. 1851) gestorben ist. Vergebens hatte der Fürst auf die Zusage des Emirvon Kabul gehofft: „Der Dewan möge nur aushalten; die Afghanen kämen umdie Engländer jenseit der Satlcdsch zu jagen." Dost Muhammed und seine Scha-