Alexander von Humboldt. 757
selben vorzubereiten, war er mehre Jahre lang eifrig unter Sylvestre de Sacy undAndre de Nerciat mit Erlernung der persischen Sprache (als der leichtern unter de-nen des Orients) beschäftigt. Da zu dieser Zeit (1812) der Kaiser Alexander, vonSibirien aus über Kaschgar und Aarkand eine wissenschaftliche Expedition nach dertibetanischen Hochebene angeordnet hatte, so wurde Humboldt von dem Neichkanzler,Trafen Romanzow, der ihn persönlich kannte und seinen Unternehmungsgeist schätzte,ausgcsodert, sich der russischen Expedition anzuschließen. Humboldt nahm ein solchesAnerbieten willig an; der Ausbruch des Kriegs zwischen Frankreich und Rußland ver-eitelte aber die schöne Aussicht, die Eeognosie des Himalaya und Kuemlün mit der derAndeskette vergleichen zu können. Die großen politischen Veränderungen von, März1814 bis November 1815, zwischen dem ersten und zweiten Pariser Frieden, veran-laßten Humboldt zu mehrfachen Reisen. Er ging nach England, das er seit 179Vnicht wieder gesehen, zuerst im Gefolge des Königs von Preußen, 1814, dannmit Arago, als sein Bruder, den er schon (1811) in Wien besucht hatte, Gesand-ter in London wurde; endlich (1818) von Paris aus mit Valcnciennes, überLondon nach Aachen, wo der König und auch der Staatskanzler Fürst Harden-berg während des Congresses ihn in ihrer Nähe zu haben wünschten. Ebensobegleitete Humboldt den König zu dem Congreß von Verona und folgte ihm nachRom und Neapel, von wo aus er die 15 Jahre früher mit Gay-Lussac und Leo-pold von Buch gemachten Messungen am Vesuv wiederholte. Nach der Rückreisevon Verona, in dem so streng einbrechenden Winter von 1823, durch Tirol undBöhmen trennte er sich von dem Könige erst in Berlin, das er seit vollen 15 Jah-ren nicht besucht hatte. Der Wunsch des Monarchen, Humboldt in seiner Umgebungzu behalten und ihn für das Vaterland bleibend wiederzugewinnen, konnte erst imFrühjahr 1827 erfüllt werden. Humboldt ging damals, seinen dauernden Aufent-halt in Paris aufgebend, über London und Hamburg nach Berlin, wo er endlichdas so lange entbehrte Glück genoß, mit seinem Bruder an einem Orte zu lebenund vereint wissenschaftlich zu arbeiten. Die öffentlichen Vorlesungen, welche erüber den Kosmos (die physische Weltbeschreibung) fast gleichzeitig in der großen Halleder Singakademie und in einem der Hörsäle der Universität hielt, fallen in diese frü-here Epoche des berliner Aufenthalts, von Anfang November 1827 bis Ende April1828. Das Buch von, Kosmos, welches nicht die Frucht dieser Vorlesungen ist, dadie Grundlage davon schon in dem, während der peruanischen Reise geschriebenen undGoethe zugeeigneten «Naturgemälde der Tropenwelt» liegt, hat erst 1845, also 15 Jahrenach den berliner, 18 Jahre nach den pariser Vorlesungen zu erscheinen angefan-gen. Das Jahr 1829 bezeichnet in Humboldt's so viel bewegter Existenz eine ganzneue sehr wichtige Lebenscpoche. Sie umfaßt die auf Befehl des Kaisers Nikolausunternommene und großartig durch die edle Fürsorge des Staatsministers Grasenvon Cancrin ausgestattete Expedition nach dem nördlichen Asien (Ural und Altai),nach der chinesischen Dzungarei und dem Kaspischen Meere. Die bergmännische Un-tersuchung der Gold- und Platinlagerstätten, die Entdeckung von Diamanten außer-halb der Wendekreise (sie glückte am 5. Juli 1829), astronomische Ortsbestimmun-gen und magnetische Beobachtungen, geognostische und botanische Sammlungen wa-ren die Hauptzwecke einer Unternehmung, in der Humboldt von zweien seiner be-rühmten Freunde, Ehrenberg und Gustav Rose, begleitet war. Die Reise ging überMoskau, Kasan, die Ruinen des alten Bulghari nach Jekathcrinenburg, den Gold-ftifenwerken des Ural und den Platinwäschen von Nishnei-Tagilsk, über Bogoslowsk,Wcrchoturje und Tobolök nach dem Altai (Barnaul, dem malerischen KolywanschcnSee, Schlangenberg und Ustkamenogorsk); von da nach den chinesischen Militärpostenvon Khonimailakhu, nahe am Dzaysansce in der Dzungarei. Von den mit ewigemSchnee bedeckten Bergen des Altai wendeten sich die Reisenden wieder gegen We-sten, um den südlichen Ural zu erreichen. Von einem Pulk starkbewaffneter Kosackenimmer begleitet, zogen sie durch die große Steppe von Jschim über Petropawlowsk,