64 Baien« unter den ÜbergangSministerien von 1847—4S.
sowie der leidenschaftlichen Politik der intimen und officiösen Stimmen nicht sowolgegen den Waffenstillstand von Malmoe selbst, als gegen dessen rücksichtslosen Abschlußdurch Preußen. Mau konnte seht in den gouvernementalen Organen Baierns sogarwieder genau jenen demokratischen Ton erklingen hören, welcher bereits früher gegenPreußens Eigenmächtigkeit, gegen seine Sondergelüste, gegen seine Vergewaltigungs-versuche angeschlagen worden war, als Preußen im März gedroht hatte, wirklichzum Kernpunkte eines deutschen Bundesstaats zu werden, und der sich erst dannänderte, als man es für vortheilhafter hielt, den Vorbehalten Preußens gegen dieMachtbefugnis der Nationalversammlung und des Neichsverwescrs wenigstens herzlicheÜbereinstimmung zu zeigen, weil damals möglicherweise wieder in Frankfurt ein einheit-licher deutscher Staat, wenn auch nur provisorisch, zu erstehen schien. Gegen denBundesstaat, gegen die Wahrheit einer staatlichen Concentration Deutschlands hatteBaiern also immer gestanden, bald gegen, bald mit Preußen. Wie kam es nun, daßes jetzt plötzlich sein dreifarbiges Banner so rauschend entfaltete? Es mußte wichtigeBeweggründe dafür haben. Denn sogar die intimen Organe versicherten, daß der bai-rische Kronrath vom nähern Zusammenhange der dänisch-preußischen Verhandlungen,von den Waffenstillstandsdocumenten u. s. w. nicht unterrichtet gewesen sei, als er dieAbsenkung des Ministers des Äußern, Grafen Bray (9. Sept.) nach Frankfurt beschlosssen, und ihm den Äuftrag gegeben habe: „Nicht allein rückhaltlose Anerkennung undUnterstützung der Centralgewalt auszusprechen, sondern auch die aufrichtigste und kräf-tigste Mitwirkung zu Vermittelung und Ausgleichung der aus Änlaß des Waffen-stillstands mit Dänemark drohenden Zerwürfe zu versuchen, jedem Separatismusmit Entschiedenheit entgegenzutreten, aber auch Alles zu thun, um das eingetreteneunselige Misverhältniß zu Preußen auszugleichen, damit das Äusland nicht darübertriumphiren könne, daß Deutschland in den feierlichsten Augenblicken seiner Geschichteinnern Spaltungen anheimgefallen sei." Heute, da wir die Geschichte jener Tageunbefangener betrachten, erscheint freilich Baierns Verhalten im damaligen Momentekeineswegs unklar.
Preußen nämlich hatte sich zuerst durch seine Vorbehalte gegen die Centralge-walt, dann durch den malmöer Waffenstillstand der Sympathien der eigentlich natio-nalen Parteien beraubt. In der Nationalversammlung war die sofortige Zurückzie-hung der Truppen verworfen worden, und das Reichsministcrium war deshalb zu-rückgetreten. Das Gesetz über die „Centralgewalt war von den meisten deutschenRegierungen noch nicht anerkannt. Ostreich schien im selben Moment an der äußer-sten Grenze seiner Großmachtstellung angelangt. Weder in irgend einer Partei desReichstags, noch im Ministerium, an dessen Spitze Wessenberg stand, zeigte sich ir-gend ein bestimmter politischer Plan; Niemand wußte, ob Östreichs künftige Kraftim Centrum oder den Extremitäten liegen, ob die neue Constitution an eine Cen-tral- oder Föderativregieruug denken, oder ob man ein gemischtes System, bedingtdurch Ungarn, Galizien und Italien, vor Asugen haben solle. Graf Stadion hattedie neuerfundene Nationalität der Ruthenen für gleichberechtigt mit der polnischenerklärt; Palazky verwahrte sich gegen jede Annäherung an Deutschland und begehrtefür das Westslawenreich einige transkarpatische Comitate Ungarns; Kossuth wolltedagegen das Magyarenthum bis nach Fiume ausdehnen, während dieses bereits fürÖstreich verloren erschien; Jellachich näherte sich einer Art von Dictatur und sahvon dem wiener Ministerium fast ganz ab; Böhmen und Italien wurden nur durchdie Waffen niedergehalten. In den Erblanden endlich kämpften angewöhnte östrei-chische Sympathien mit schwacher Kraft gegen einen zersetzenden Demokratismus,welcher seine Endziele blos des Scheines halber mit der schwarzrothgoldenen Flaggedeckte. England, Frankreich, Rußland blickten mit schlecht verhehltem Widerstrebenauf den nationalen Gestaltungsdrang Deutschlands, selbst so weit er seinen Ausdruckin der Reichsverweserschaft gefunden hatte. Dagegen war von Paris in Münchender französische Gesandte Klein mit einigen Freundschastsversicherungen für den frü-hern Rheinbündner angekommen.