82 Barern unter den Übergangsministerien von 1847—49.
dem Rücktritte des Rnchsministerpräsidenten von Schmerling (der bekanntlich von,Austritte sämmtlicher Ostreicher aus dem Neichsstaatsdienstc gefolgt war) nach Mün-chen berufen wurde, um angeblich die Glückwünsche des bairischcn Hofs zur Thron-besteigung Franz Joseph's I. nach Olmütz zu überbringen. Gleichzeitig schien dieThatsache für eine absichtliche Entfernung Baierns von der Centralgewalt zu spre-chen, daß Closen's interimistischer (später definitiver) Nachfolger, der Generalmajorvon Lylander, seine Beglaubigungsschreiben nur bei dem Ministerium des Äußernzu Frankfurt einreichte, wie sie auch nur vom Ministerium des Äußern in Münchenausgestellt waren. *) Von dem Moment des „unseligen" Gagern'schen Programms,wie es die „Neue Münchener Zeitung" nannte, datirt überhaupt jene Politik Baierns,welche mit der Opposition gegen die Ausschließung Östreichs aus dem deutschenBundesstaate gegen die bundesstaatliche Organisation Deutschlands so glücklich vperirthat. Unter solchen thatsächlichen Verhältnissen konnte denn auch Baierns Verhaltengegen die gesetzlichen Verfügungen der Neichsgewalt zum Schlüsse des Jahres 1848durchaus nicht verwundern. Der Auffoderung des Neichsministeriums zur Veröffent-lichung der erlassenen Neichsgesetze entsprach es dadurch, daß das Ministerium desÄußern zwar deren Titel als „Kundmachung" im Regierungsblatt (Nr. 70, 28. Dec.18-48), ihre» Wortlaut dagegen „mittels besonderer Beigaben zum Regierungsblattzur örtlichen Veröffentlichung" mittheilte. AIS aber das Reichsministerium an sämmt-liche Bevollmächtigte der Einzelstaaten zu Frankfurt die Frage stellte: ob die Grund-rechte sofort von ihren Regierungen verkündet und eingeführt würden? da verweigerteHerr von Lylander seine Antwort „ wegen Mangels an diesfallsigen Instruktionen".Den Anklagen der öffentlichen Meinung gegen Baierns damit kundgegebenes Sonder-gelüst entgegnete die „Neue Münchener Zeitung": dies heiße „die Tendenzsuchcrei"zu weit treiben. „Wir sehe» wahrhaftig nicht ein", fuhr dieses Organ fort, „wel-chen ernstlichen Schwierigkeiten in Baiern die Verkündigung und Einführung derdeutschen Grundrechte begegnen soll, nachdem, was dieselben aufstellen, thatsächlichgrößtentheils bei uns schon besteht; daß aber für die etwa noch neu einzuführendenPunkte bei uns so wenig als in Hannover oder anderwärts die demnächst zusammen-kommenden Kammern von der Regierung umgangen werden können, scheint uns denndoch auch unzweifelhaft." Die neue Coalition war indessen begründet. Noch schienihr allerdings von den Mittelstaaten nur Sachsen und Hannover, ersteres als mehrdemokratischer Genoß, letzteres als einfacher Particularist gewonnen; aber auch Öst-reich zählte schon halb und halb zu den Verbündeten, Frankreich und England zuden bekannten Vertrauten. Eine Operationsbasis war gegeben: sie befestigte sich ziem-lich genau in den alten Ankerketten der Montgelas'schen Politik.
Die lange Ministerkrisiß.
München hatte nächst Wien von jeher für die lebenslustigste Stadt deutscherZunge gegolten. Jedes neue Jahr war herkömmlich mit lauter Fröhlichkeit begrüßtworden, und 18-48 hatte davon noch keine Ausnahme gemacht. Dem unbefangenenBeobachter mußte der Gegensatz der öffentlichen Stimmung beim Beginne des Jah-res 18-49 auffallen, ob auch Frömmigkeit, Schaulust und Speculation in der Scheide-stunde des alten Jahres wie ehemals ihren Umzug durch die hellstrahlenden Kirchenhielten, ob auch wüstes Zechergeschrei und lärmende Schüsse mit obligatem Glocken-geläut den ersten Skundenschlag des neuen Jahres begrüßten. Mit tieferm Ernstund banger Besorgniß blickte fast Jeder der nächsten Zukunft entgegen. Die allge-meine Weltlage trug viel Schuld daran; die nächste Veranlassung bot die Entschei-dung der bairischen Ministerkrisis. Es wäre auch wirklich schwer gewesen, in Baiernnoch einen zweiten Mann zu finden, der es so gründlich mit allen Parteien verdor-
*) Erst im Februar IK49 erläuterte ein kurzer Artikel der „Frankfurter Oberpostamts-Aei-tung' diesen auffallenden Umstand durch Berufung auf den formellen Geschäftsgang im Mini-sterium zu München.