Band 
Zehnter Band.
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Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—49. S3

den hatte wie Herr von Beisler, in dessen Hände jetzt die innern Landesangelegcn-heiten gefallen waren. An Lerchenfeld hatte keine einzige Partei die Ehrlichkeit desWillens wegzuleugnen vermocht, die Stärke des subjectiven Gerechtigkeitssinnes, dieindividuelle Wahrhaftigkeit. Vor Monaten, da selbst die Besonnener» sich noch inmaßlosem Freiheitstaumel wiegten, mochte er Vielen zu zaghaft im Vorschritte, zubeirrt von mancherlei einfallenden Zufälligkeiten und Voreingenommenheiten erschie-nen sein. Jetzt, da ein Abel und Gift als unverantwortliche Nathgebcr neben demverantwortlichen Kronrathe Geltung gewonnen hatten, da es bekannt war, daß,abseits vom officielleK bairischen Gesandten in Wien und vom beglückwünschendenHerrn von Closen am Hoslager zu Olmütz, ein Haupt der ultramontanen Parteiin persönlichen, Aufträgen ganz andere Dinge verhandelte, als vielleicht selbst demMinister des Äußern bekannt: mußte Lerchenfeld's streng konstitutioneller Sinn alsein Lichtblick im heraufsteigenden Dunkel erscheinen. Und eben weil er streng kon-stitutionell handeln wollte, war er gestürzt. Wären ihm Schrcnk, sogar Abel gefolgt,die allgemeine Unsicherheit, das drückende Gefühl wäre minder gewesen. Sie hättenwenigstens Eine Partei für sich, alle andern entschieden gegen sich gehabt, und einkritischer Kampf wäre möglich geworden. Dagegen deutete man Beisler's Wahldahin, daß sie eben darum erfolgt sei, weil er gar keine Partei hatte, weil die Ul-tramontanen ihn ebenso wegen seiner Abstimmungen im Parlamente haßten, als erden Progressiven wegen seiner Vereinbarungstheorie, den Reactionären wegen seinerliberalen Phraseologie verdächtig, den Geschäftsmännern endlich wegen seiner gerin-gen praktischen Wirksamkeit ein Gegenstand des Anstoßes war. Dies eben, meinteman, sollte ihn darauf anweisen, sich ganz und unbedingt Einflüssen zu fügen, welchehöhern Orts mit neuer Macht auftraten. Nicht blos die oben genannten Abel undGift waren deren Vertreter; es gehörten dazu'noch verschiedenartige Namen undElemente: Graf Armansperg, Baron Aretin, Baron Stauffenberg, mehre Oberos-fiziere u. s. w., auch der königliche Privatbibliothekar Hofrath Dönniges, der ehe-malige östreichische Hofrath Jarcke. Die bedingende Macht des Einen oder Andernwechselte fast ununterbrochen; ein ewiges Schwanken der Ansichten in jeder einzelnenFrage war die einzige Consequenz; Besorgniß vor irgend einer Einbuße an wirklichenoder scheinbaren Rechten und Vorzügen der Wittelsbacher Krone war der Zauber-spruch, womit die eine oder andere Persönlichkeit zeitweilig den Besitz des innigernVertrauens errang. Daß aber die Minister, weil es just von oben gewünscht wurde,in ihren Posten blieben, als ihnen Beisler beigcgeben ward, nannte man damalseine Verleugnung ihrer Grundsätze. Aus allen Provinzen berichteten die Zeitungen,welch peinlichen Eindruck ihr Bleiben gemacht habe, wie tief gesunken das Vertrauen,welches sie bisher genossen hatten. Aus den Provinzen ließen sich auch die meistenMistrauensvote» gegen die neue Organisation des Ministeriums hören, die lautestenAnklagen gegen seine Politik in der deutschen Frage. Schwaben und einige TheileFrankens sprachen sich in der Mehrzahl zwar zu Gunsten der Vereinigung Ostreichsmit dem deutschen Reiche, aber gegen eine monarchische Spitze aus; dagegen standMittel- und Obcrfranken ziemlich entschieden zum Gagern'schen Programm und fürdie preußische Kaiserwürde. In München war es fast ausschließlich der ultramontandurchwirkte kleine „Verein für constitutionelle Monarchie und Freiheit der Kirche",welcher dem Turnus in der Ccntralgewalt beipflichtete; der seit seinem Entstehenrechts gedrängte „Verein für Freiheit und Ordnung" ließ die Oberhauptsfrage offen,sprach aber gegen Östreichs „Ausschließung". Im übrigen Baiern war es auffallendstill. Es ließ sich nicht leugnen, jetzt da die Dinge zu Frankfurt am Abschlüssestanden, trat das Locale und Hergebrachte wieder in überwiegende Bedeutung: dermögliche nahe Abschied davon machte es von neuem theuer. Frei von mancher Wu-chcrpflanze, wie sie sonst an den breiten Wegen der Cultur und Überculkur aufschießt,erschien dem einseitiger» und befangener» Gesichtskreise des bairischen Publicums derDünkel literarischer und weltmännischer Routine, die alleinseligmachende Einbildung