Band 
Zehnter Band.
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84 Barern unter den Übergangsministerien von 1847—49.

protestantischer Aufgeklärtheit, berliner Schöngeisterei und Rechthaberei als das Ei-gentliche des norddeutschen Wesens. Ja, die einigermaßen ähnliche fränkische undpfälzische Quote des eigenen Staats betrachtete der Altbaier mit einer gewissen in-stinctartigen Abneigung. Selbst der katholische Glaube hat für ihn etwas LocaleSund Provinzielles, und es bedarf also kaum einer nähern Ausführung darüber, wieleicht aus allen diesen Ursachen ein Particularismus zu fördern war, wenn er sichentweder auf provinzielle oder auf kirchliche Besonderheiten stützte, worin sich dasVolk gewohnt und erzogen fühlte. Selbst Montgelas mit seinem Jlluminatismushatte ja'seine Politik auf ein specifisch bairisches Wesen und eine bairische Größebafirt; Abel's Politik war dagegen von dem Gedanken ausgegangen, Baiern müsseals erste katholische Macht eine Sonderstellung zum übrigen Deutschland behaupten.Beide scheinbar vollkommen divergirende Richtungen waren trotzdem in einem Lebens-punkte, im Verhältniß zu Deutschland und in der „auswärtigen" Politik Baiernszusammengekommen. Die damals und so lange officicll angeregten Reminiscenzenhatten auch jetzt noch Kraft in der großen Masse, wennschon die meisten Städteund ganze Landschaften, eingetreten in geschäftlichen und geistigen Wechselverkehrmit dem übrigen Deutschland, mit Jugendfrische zu einer allgemeinen Auffassung derWelt- und Vaterlandsverhältnisse sich erhoben halten. Indessen konnte ein politischesSystem, wie es damals bestand, immer hoffen, mit der bairischen Abneigung gegenPreußisches wie mit dem katholischen Widerwillen gegen den Protestantismus zu ope-riren und die deutschen Einheitsbestrebungen abermals zu durchkreuzen.

Dennoch war es keine bloße Phrase, wenn von allen Seiten die Ausdrücke der„tiefsten Entrüstung" erklangen, als Baierns Verfahren in London bekannt wurde.Man erfuhr außerdem, daß unmittelbar "nach der Abreise des Herrn von Closen ausOlmütz der Ministerpräsident Fürst Schwarzenberg, gefolgt von dem bairischen Ge-sandten, Grafen Luxburg, und dem hannoverschen, Baron Bodenhausen, am kaiserli-chen Hoflager angelangt waren (5. Jan.). Dies mit den theilweise bekannten lon-doner Erklärungen und dem ziemlich unzweifelhaften Zwecke der Mission Closen's zu-sammengehalten, konnte kaum mehr anders als auf Vorbereitungen und den Ab-schluß eines Sonderbundes gegen den deutschen Bundesstaat, speciell gegen Preußengedeutet werden. Mochte auch die Antipathie gegen Preußen im Publicum ziemlichstark sein, so doch nicht stark genug, um deshalb die Einheit Deutschlands gefährdetsehen zu wollen. Aus allen Städten und Landschaften erhoben sich die Stimmengegen jede Sonderpolitik und verstärkten sich zu einem wahrhaften Sturm, als we-nige Tage nachher (13. Jan.) der Legationsrath von Aretin, bisher schon als Ver-mittler einer neben dem Ministerium vorgehenden Hof- und Hauspolitik genannt, inofsicieller Eigenschaft nach Olmütz abgesendet wurde, nachdem vorher der östreichischeReichstagsabgeordnete Oberst von Mayern von ebendaher auf dem Wege nach Frank-furt bereits zum andern male nach Nymphenburg gekommen war. Auch hatte die„Neue Münchener Zeitung" auf alle Interpellationen der Presse über diesen Verkehrmit Olmütz keine andere Antwort, als daß solche Missionen der verschiedenen Höfeuntereinander bei der herannahenden Entscheidung über die Oberhauptsfrage etwashöchst Natürliches seien: man müsse sich verständigen und könne das Dccisum un-möglich der Nationalversammlung allein überlassen. Dagegen versicherten andereZeitungen „glaubwürdig", daß diese östreichisch-bairische Verständigung wirklich schonerfolgt sei; und zwar habe der olmützer Hof die Erklärung abgegeben: daß zwardas Haus Habsburg die deutsche Kaiserkrone nicht begehre, deren Vergebung an einanderes Fürstenhaus aber gleichfalls nicht dulden werde. Zugleich sei Östreich nachvollständiger Pacificirung Ungarns zur Aufstellung einer bedeutenden Heeresmacht ander Grenzlinie von Bregenz bis Salzburg (Schärding) entschlossen. *) Die Folge«

*) Bekanntlich betrachtete das officielle Östreich die ungarische Sache durch die in den erstenLagen des Januar erfolgte Besetzung von Buda-Pesth als beendet, obgleich „trotzdem nocheinige Zeit bis zur gänzlichen Pacificirung des Landes erfoderlich sein werde".