92 Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—4S.
der Nationalversammlung zu überliefern", von welcher Freihandel und Gewerbcfrei-heit drohe, deren Verfassungsausschuß an der Personalunion festhalte und Östreichvon Deutschland ausschließe, das Baiernvvlk wahrscheinlich zu einem Bettelvolk mache.
Beim Beginne der Sitzung am 8. Febr. erklärte das Gesammtministcriumseinen Rücktritt, und damit war die nächste Absicht der Adresse erreicht. Manhätte jetzt erwarten sollen, die sieghafte Mehrheit werde, um eine immer stärkerePhalanx für den Gesammtentwurf zu gewinnen und der Krone eine desto stärkeremoralische Verpflichtung für die Annahme eines parlamentarischen Ministeriums aus-zulegen, die Principienreiterci nicht aufs Äußerste treiben. Auch würden die übrigen,auf die innern Landesangelegenhciten bezüglichen Paragraphen der Adresse ohne allenAnstand im Sinne der Opposition zur Annahme gelangt sein, wenn deren Ultrasnicht im Siegesübermuthe, und obgleich wiederum siegend, alle nur irgend vorhan-denen Gegner und Halbgegner hcrausgefvdert hätten. Sie sehten es nämlich durch,daß (nun blos mit drei Trimmen Mehrheit) das „konstitutionelle" anstatt des „kon-stitutionell^ monarchischen" Princips als das leitende der Kammer bezeichnet wurde,sodaß schließlich auch die ganze Adresse blos eine Mehrheit von 10 Stimmen er-langte. Dies gab natürlich den Ultramontanen, Particularisten, Gewerbtreibendenu. s. w. neue, bedeutende Hoffnungen; auch trieb es viele Unentschiedene wieder mehr»ach rechts, sodaß die parlamentarischen Parteistellungen und Fractionsstärken vonneuem schwankten. In diese Aufregung hinein warf endlich vr. Müller von Tannam Beginne der Sitzung vorn 9. Febr. unter einstimmiger Beistimmung der Abge-ordneten die Erklärung zu Protokoll, daß die Kammer sich verwahre gegen ein preu-ßisches Kaiserthum und das Ausscheiden der Östreichcr aus der Nationalversamm-lung, ja von dem letzter« Schritte das Ausscheiden und Bleiben der bairischen Par-lamcntsabgeordneten abhängig mache.
Was die Linke, welche diese Zustimmung verabredet hatte, mit dieser Erklärungwollte, war nicht abzusehen. Wollte sie dadurch überhaupt gegen den monarchischenCharakter der zukünftigen Centralgewalt dcmonstriren und wählte Preußen nur alsBeispiel? War ihr staatliche Ordnung und Äutoritj't dort bereits wieder zu starkgeworden und hoffte sie von, Hereinzwingen Östreichs in seinem damaligen Zustandeeine Verstärkung des republikanischen Princips, oder nur eine Beihülfe für die Per-manenzerklärung der Revolution? Oder wollte sie in negirender Selbstverhöhnungsagen: all unser dreitägiges Geschwätz für unbedingte Unterwerfung unter die Natio-nalversammlung gilt nur. solange deren Beschlüsse dem souveränen Willen der unna-türlichen Oppositionscoalition und der Particulardemokratie gefallen? Oder solltenihre drei Hochrufe die Hemmnisse des Eintritts Östreichs niederwerfen, wie einstPosauncnschall die Mauern von Jericho? Man erkannte es deutlich, starke Wind-stöße vom sächsischen „Unverstandslandtage" trieben dessen Luft und Duft auch her-über nach Baiern, den Gegnern jeder politischen wie nationalen Progression natürlichzu großer Freude. Man hatte ja bisher mit so großer Aufregung dagegen decla-mirt, daß der König die Genehmigung der ministeriellen Entlassungsgesuche beharr-lich verweigere. Hatte er nunmehr dazu nicht ein volles Recht? Die gesammteKammer hatte ja am Schlüsse ihrer dreitägigen Adreßdebatte dieselbe für bloße par-lamentarische Gymnastik, ihre Beschlüsse für Phantasmagoricn erklärt. Sie standmit dieser Erhebung von ihren Sitzen vollkommen auf dem Standpunkte der gestürz-ten Regierung, ja noch viel entschiedener auf particularistisch-bairischem Boden. AISdaher am 9. Febr. ein Placat an den Straßenecken erklärte: viele ehrenwerthe Bür-ger Münchens, in Verbindung mit dem (ultramontanen) Vereine für constitmionelleMonarchie und religiöse Freiheit — obschon die deutsche Einheit, doch auch die bai-rische, durch unbedingte Geltung der Grundrechte in materieller Hinsicht gefährdeteSelbständigkeit wollend — hätten beschlossen, dem Könige einen Fackelzug zu bringen:da war es eigentlich keine Parteiergreifung, als der König von Nymphenburg her-einkam, um diese Demonstration gegen die LandeSvertrctung entgegenzunehmen.Man konnte ja sagen, der Fackelzug selbst sei keme Demonstration mehr, nachdem