93
Barern unter den Übergangsministerien von 1847—49.
die Kammer sich auf den Mund geschlagen. Darum hatten auch die Hoch auf dieKammerlinke so wenig Verletzendes, als sie aus den Volksmaffcn jedem Lebehoch derFackelträger auf den König folgten. Wäre damals unter den Ministern, wärein der unverantwortlichen Umgebung des Königs ein einziger energischer Charaktergewesen, er würde sofort die Übereilung der Kammer mit einer ministeriellen rssti-tutio m intsgrum beantwortet haben. Allein eben diese Energie fehlte, man kamzu keinem Entschlüsse, und so erstanden die Zustände der nächsten Monate.
Während Tag für Tag und Abend für Abend die in den Straßen klirrendenStreifwachcn der Residenz ein belagerungszuständliches Aussehen gaben, rückte dieLösung der Ministerkrisis um keinen Schritt voran. Man tastete rathlos umher.Selbst Herr von Lerchenfeld ward wieder mit großen Aufmerksamkeiten behandelt,derselbe wies aber jede Annäherung zurück. Ein ebenfalls in Anregung gebrachtesMinisterium der Linken fand bei Hofe durchaus keinen Beifall. Jedermanns Rathward gehört, und doch jeder Rath verworfen. Auch über die Adresse der Kammerkam man zu keinem Entscheid. Erst sollte sie nicht angenommen werden, nachherwurde sie es dennoch; aber nur auf schriftlichem Wege, um die Herren von der De-putation (sie bestand aus lauter Majoritätsmitgliedcrn) „nicht nach Nymphcnburgzu bemühen". Eine andere Frage war nun: sollte man der Kammer weitere Vor-lagen machen, oder sie vertagen, oder auflösen? Der letzte Schritt wäre freilichein entscheidender gewesen, und eine neue Kammer hätte eine neue Thronrede ver-langt, eine neue Adresse berathen, vielleicht im Sinne der jetzigen und ohne sichnachher selbst zu verleugnen. Also keine Auslosung! Doch vielleicht Vertagung?Allein über Nacht konnte ja ein Auskunftsmittel sich finden, oder es konnte inFrankfurt zur preußischen Kaiserwahl kommen, ehe man die dagegen prolestirendeLandesvertretung wieder beisammen gehabt hätte. Also auch keine Vertagung. Soblieb die Kammer beisammen, und ihre Mitglieder genossen behaglich die Carnevals-freuden der Residenz, nur selten von einer formellen Sitzung auf kurze Zeit in An-spruch genommen.
, Man wäre vielleicht früher zu irgend einem Entschlüsse gelangt, wenn nurOstreich sich entschlossen hätte. Aber Östreich theilte keine Parole aus, und seinebekannte Erklärung vom 4. Febr. bot keinen Halt für eine bestimmte MaßregelBaierns. Gegen die „Ausschließung" hatte man sich bereits erklärt; aber manhatte freilich nicht erwartet, daß Östreich sich zwar in demselben Sinne, doch zurMitwirkung bei dem deutschen Verfassungswerke nur unter der Voraussetzung bereiterklären werde, „daß es sich hier um Einigung, nicht um gänzliche Umschmclzungder bestehenden Verhältnisse handele, um Wahrung der verschiedenen lebenskräftigenorganischen Glieder Deutschlands und nicht um deren Aufhebung und Vernichtung".Man hatte sich bisher so bequem eingerichtet in der Protestation gegen den, „Ein-heitsstaat", wie in der Begeisterung für den „Bundesstaat". Nun sagte Östreichplötzlich: „Die Gestaltung eines umtauschen Staats erscheint dem k. k. Cabinetenicht ausführbar für Östreich, nicht wünschenswerth für Deutschland." Dennochsagte eS nicht, was ihm ausführbar und wünschenswerth scheine; es meinte nur:„Der k. k. Regierung schwebt ein nach außen festes und mächtiges, im Innernstarkes und freies, organisch gegliedertes und doch in sich einiges Deutschland vor."ES blieb nichts Positives übrig als der Anschluß an die von Östreich erklärte Ab-scheidung seiner Wege von denen Preußens, als die begeisterte Aufnahme des Schluß-satzes der östreichischen Note: „Gegen eine Unterordnung Sr. Majestät des Kaisersunter die von einem andern deutschen Fürsten gchandhabte Ccntralgewalt verwahrensich Se. Majestät der Kaiser, und Allerhöchstdessen Regierung auf das feierlichste;sie sind dies sich, sie sind es Ostreich, sie sind es Deutschland schuldig." Aber wiewar der Schritt in die Reihen der Gegner des Bundesstaats zu thun, ohne Preu-ßen geradezu herauszufodern, ohne sich unbedingt Östreichs Befehlen übergeben zumüssen? Vielleicht konnte dazu ein Votum des Reichsraths helfen; man konnte sichbann in diese Politik durch die konservativen Elemente der Landesrepräsentation ge-