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Zehnter Band.
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94 Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—49.

drangt nennen; man brauchte sich auch nicht auf eine Abgeordnetenkammer zu be-rufen, welche das Ministerium wegen der deutschen Frage gestürzt hatte.

Am 17. Febr. fand nun auch die erwünschte Ncichsrathssitzung statt. Die„Deutsche Zeitung" hatte durch ihre Mittheilungen über die londoner ErklärungBaierns gegen ein erbliches deutsches Oberhaupt, namentlich gegen Preußen, die allge-meinste Aufmerksamkeit erregt. Bedenkliche Anfragen drohten in der zweiten Kammer,obgleich sie sich gegen Preußens Oberhoheit erklärt hakte. Stürmisch regte sich's gleich-falls in den liberalen Blättern, welche jeht gern die kopflose Demonstration nach derAdreßdebatte vergessen gemacht hätten, und darum desto ingrimmiger darüber herfie-len, daß die bairische Ministerialpolitik zuerst die deutsche Frage vor ein Mitglieddes pentarchischen Forums gebracht habe. In dieser üblen Situation schien es sehrpassend, daß ein Neichsralh den rücksichtlosen Interpellationen der Kammer zuvor-käme. Graf Arco-Valley, ein Haupt der aristokratisch - ultramontanen Partei, über-nahm das Geschäft, und befragte den Minister des Außer» geradezu über die Wahr-heit der Behauptungen der „Deutschen Zeitung". Welche Erläuterungen dieserüber die londoner Erklärung abzugeben genöthigt war, ist bereits oben erwähnt wor-den. Der zweite Anklagepunkt war dagegen in der „Deutschen Zeitung" undeut-licher ausgedrückt. Der Minister faßte ihn so, als habe Baierns Zustimmung zumpreußischen Erbkaiserthum durch das Anerbieten kleiner Nachbarstaaten erkauft wer-den sollen. Er nannte dies eine absolute Lüge, und wies den „Schandflecken" zu-rück, womit man den bairischen Namen durch Andicktung solcher Gelüste besudelnwolle. In der reichsräthlichen Sitzung schien man denn auch vollkommen von derministeriellen Mittheilung und patriotischen Entrüstung befriedigt, ja erhielt sogardie höchst beruhigende Versicherung, daß Baiern mit aller Kraft dahin wirkenwerde, für Ostreich, wenn es auch für jetzt „dem Vundesstaate" beizutrcte» ver-weigere, den Eintritt offen zu erhalten. Nachdem nun ferner Fürst Wallerstein ineiner Rede gegen das preußische Kaiserthum zu Felde gezogen, indem durch Öst-reichs Austritt aus dem deutschen Staatsorganismus nicht nur die deutsche Einheit,sondern auch die Freiheit gestört werde: beantragte Graf Arco-Valley, daß dieNeichsräthe dem Beispiele der „ Schwesterkammer" mit einer Erklärung gegen daspreußische Kaiserthum folgen möchten. Es geschah einstimmig mit dem Ausdrucke:„Die Kammer glaubt dem Gebote der Ehre und Pflicht zu folgen, indem sie sichgegen ein preußisches Kaiserthum erklärt." *) Daß die ganze Demonstration ab-sichtlich herbeigeführt war, davon mußte wenige Tage später Jedermann überzeugtsein. Das bairische Ministerium hatte nämlich an, 19. Febr. der Centralgcwalteine vom 16. Febr. datirte Note des Inhalts übergeben: Baiern werde zu keinem„Ausschlüsse" Ostreichs aus Deutschland, auch nicht zu einer Stellung desselbenin einem „weitem" Bundesvcrhältnisse seine Zustimmung geben; ferner verwahresich Baiern im voraus auf das allerbestimmteste gegen jede all;u starke Anfoderungan seine souveräne Selbständigkeit. Die ziemlich gleichlautenden Erklärungen des Mi-nisters vor den Neichsräthe», sowie deren provocirtes Votum hatten also der bairi-schen Defensiv-Offensive zu Frankfurt offenbar ein „moralisches Gewicht" verleihensollen, worauf man damals und später bei den Verhandlungen und Differenzen überdie deutsche Verfassungsfrage überhaupt am stärksten pochte, weil es zu nichts ver-pflichtete, bis man sich, völlig an Östreich angelehnt, anderthalb Jahre nachher zurEntfaltung der bairischen Fahnen in Kurhcssen entschloß.

Dramatisch, wenn man es so nennen will, war das offene Ablenken der bairi-schen Regierung von ihrem in der Proklamation vom 6. März und in den Er-klärungen an die Centralgewalt im Herbste des Jahres 1848 aufgestellten Pro-

*) Graf Bray, der Minister des Äußern, amtlich in der Sitzung anwesend, machte nichtdie leiseste Äußerung gegen solche Ausdrucksweise. Das officielle Organ der bairischen Regie-rung am berliner Hofe, Graf Lerchenfeld-Köfcring, als Mitglied der Rcichsrathskammer inUrlaub in München, erhob sich für den Antrag des Grafen Arco-Valley.