102 Baiern unter den Übergangsministerien von 1847—49.
zusammengehalten mit dem bairiscken Directorialvvrschlag, als Inbegriff aller »atio-nalen Erhabenheit und politischen Weisheit stammenden Wortes gepriesen. Dahin,dahin müsse Baiern seine Blicke lenken; dies sei der gesegnete Weg des Herrn; sonur werde die tausendjährige Dynastie der Wittelsbacher ihren erhabenen Beruf er-füllen; so nur könne die Stammeseigenthümlichkeit des bairischcn Volks allen Stäm-men und Völkern vorleuchten.
Gleichzeitig wurde es jährig, daß König Maximilian II. den Thron bestiegenhatte. Es war am 21. März, an demselben Tage, wo in Frankfurt der Welcker'scheAntrag verworfen und dadurch den Aersplitterungsplanen Thür und Thor geöffnetwurde. Das Ministerium Gagern trat zurück. In Baiern wußte man jedoch nochnichts von den folgenschweren Ereignissen; am Hofe noch nichts von dem Abweisdes Welcker'schen Antrags, dessen Abstimmung die Gegner der Einheit wie ihreFreunde mit gleicher Aufregung cntgegengezittert hatten. Man wußte nichts davon,daß 115 Ostreicher das frankfurter Werk zerstörten, indem sie mit den Anarchistenund Ultramontane» auch den Heckscher'schen Antrag abwiesen, den Abschluß derNeichsverfassung verschoben und die Ungewißheit zur vernichtenden Permanenz brach-ten. Dennoch war um diese Zeit ein seltsam bewegtes Treiben in den bairischcnHof- und Adelskrcisen. „Jetzt gilt es, zusammenzuhalten und festzustehen" — diesesWort lies tausendfach modulirt durch die Gesellschastssäle. Aber gegen was? Solcheeinfache Fragen beantwortete man nicht, sondern wiederholte nur das Wort mit ener-gischer Emphase. In den Kreisen ferner, die sich gern staatsmännische nannten, dahorte man wieder: „Nunmehr ist Baierns Aufgabe die Vermittelung zwischen Ost-reich und Preußen." Aber wie, worin, auf welcher Basis? Dies blieb ebenfallsunbeantwortet. Dagegen glaubten andererseits die bairischcn Windisch-Grätz, Meldenund Wrangel, ihnen allein gehöre von jetzt an das Regiment. Verhältnißmäßigsehr gering war endlich die Zahl derjenigen Männer von Einfluß und Bedeutung,welche Baierns natürlichste Aufgabe, die Vertretung des süddeutschen Elements beivollkommen rückhaltloser Hingebung an den Bundesstaat, erkannten und verfochten.
Sie wurden nicht gehört und kamen zu spät. Denn selbst abgesehen von der Wci-terentwickclung in Frankfurt, fand das bairisch-dynastische Interesse bereits in einemgroßen Theile des Königreichs keinerlei Unterstützung niehr. In den drei Frankenund der Pfalz erklangen die Diskussionen fast nur mehr darüber, ob man sich alsrepublikanischer Staat dem Bundesstaate unmittelbar, oder mittelbar als preußischeProvinz anschließen müsse. Selbst in Altbaiern, sogar im phlegmatischen Pfahlbür-gerthume der Residenz war die deutsche Frage ein Gegenstand lebhafter Verhand-lung, seitdem das olmützer Cabinek mit seinen rettenden Thaten und seinen Erklä-rungen offen hervorgetreten war. Wäre damals die im Grunde sehr demokratischeMaßregel in Anwendung gekommen, welche etwa fünf Monate später Herr von derPfordten für eine particularistische Politik in Anspruch nahm, nämlich eine Abstim-mung durch das ganze Land, so würde sicherlich die größere Hälfte der Bevölkerungsich für die Hingabe an die Centralgewalt erklärt haben — mehr aus Überdruß ander vollkommenen Ziel- und Rathlosigkeit der gvuverncmentalen Politik, als auswahrhafter Überwindung particularistischcn Dranges und Interesses. Denn nicht nurin der deutschen, vielmehr in allen Fragen und Richtungen des Staatslebens empfandman diese vollkommene Unsicherheit schmerzlich und demüthigend. Selbst die „NeueMünchener Zeitung" focht nur noch lahm und flau bald gegen alle Fortschritts-parteien, bald gegen den demokratischen Separatismus, bald gegen das Kaiserthum,bald gegen die Grundrechte, bald für, bald gegen Östreich. Offenbar hatten ihreLeiter den Ariadnefaden im Wirrniß verloren — es herrschte ein beklagenswertherZustand. So war auch an den Universitäten des Landes die Zwietracht von neuementglommen. In München drängte sich das gesammtc katholische Seminar zur Unter-zeichnung der Adresse, welche mit dem täuschenden Losungsworte „Lehrsreiheit" die ^Reactivirung Lassaulx' begrüßte, während sich andererseits Vereine zum Nichtbesuch jseiner Vorlesungen constituirten. I» Versammlungen, wo man Verständigungen ver-